Das Universum hört Dich nicht

Jedes Jahr zu meinem Geburtstag habe ich mich auf den Moment gefreut, wenn ich auf meiner Geburtstagstorte die Kerzen auspusten durfte. Ein magischer Moment, in dem man sich ganz feste etwas wünschen darf und es keinem verraten darf und dann geht er in Erfüllung.

Die Zeit zwischen den Geburtstagen haben mich weggepustete Wimpern und Sternschnuppen mit fest zugekniffenen Augen Dinge wünschen lassen, die ich -natürlich- niemandem verraten habe. Denn sonst geht es ja nicht in Erfüllung, wie man weiß.

Meine strengkatholische Tante Paula hat sich sogar stundenlang täglich etwas gewünscht. Beim lieben Gott. Sie hatte offenbar sehr lange Wunschlisten, denn vor jeder Mahlzeit und abends verharrte sie gefühlte Ewigkeiten im Gebet und rasselte ihre ganze Liste im Geiste dem lieben Gott runter.

Als ich dann bereits erwachsen war, fingen Freunde von mir auf Facebook an Wünsche ans Universum zu schicken. Und sich gegenseitig zu sagen, dass sie ihren Wunsch nur laut genug an eben dieses Universum senden müssen, damit es einen höre. Ob man den dann auch für sich behalten musste, weiß ich nicht. Aber ich weiß sehr wohl inzwischen, dass diese ganzen Wunschrituale für die Katz sind. Denn, wenn Du niemandem erzählst, was Du Dir wünschst, wird es außer Dir und der Wimper, der Sternschnuppe und dem lieben Gott oder Universum niemand wissen. Selbst nicht die, die Dir vielleicht bei dem Wunsch helfen könnten und wollten.

Also habe ich Schluß gemacht. Mit den Wimpern. Mit den Sternschnuppen. Mit den Geburtstagskerzen und mit allen Religionen und Ersatzreligionen. Ich habe meiner Tochter von klein auf gesagt, dass sie bloß nicht ihre Wünsche für sich behalten solle. Stattdessen solle sie jedem, dem sie mag, von ihren Plänen und Wünschen erzählen. Denn das Universum interessiert sich nicht für uns. Aber unsere Freunde und Familien tun das. Und so müssen wir vielleicht uns bald nicht mehr heimlich Dinge wünschen, sondern können gemeinsam an den Wünschen und Träumen arbeiten.

Das funktioniert hervorragend. Naja. Fast. Bezüglich dem Lottojackpot suche ich selbst noch nach dem richtigen Wunschweg.

Sie

Ich weiß nicht, seit wann sie bei mir ist. Das wusste ich noch nie. Sie kam jedes Mal so leise, schlich sich bei mir ein und kauerte in einer Ecke. Monoton vor sich hin wippend saß sie da. Wo hatte sie sich versteckt? Im Kinderzimmer vielleicht, dass ich hätte viel früher aufräumen sollen? Oder zwischen den Papieren aus Ämtern, Anwälten und Rechnungen, die ich hätte abheften müssen?

Bemerkt habe ich sie erst, als sie zum Wippen noch das Jammern anfing. Zuerst ganz leise, ein monotones Jaulen, das sich in die tägliche Geräuschkulisse fügte und von dort sich peu à peu herauswand. War da was? Ich begann hellhörig zu werden. Immer wieder meinte ich sie zu erkennen und dann webte sich doch alles in den Alltag hinein und ich wischte den Gedanken weg.

Der Alltag hingegen fing an zu strudeln unter dem auf- und abschwellendem Jaulen. Und sie kroch langsam mich umkreisend auf mich zu. So muß es gewesen sein. Denn manches Mal spürte ich ihren faulen Atem in meinem Nacken und es lief ein Schauer kurz über meinem Rücken, der sie wieder hinfort spülte. Als er mich dann anrief, setzte sie sich in meinen Nacken. Ihre langen Finger glitten durch meine Haare, mein Herz pochte im Takt ihres Atems und eine Lähmung ergriff meine Glieder. Ich schob es auf das Telefonat. Eines dieser Telefonate, bei denen man sieht wie die Energie aus dem eigenen Körper gezogen wird und im Datenmüll verschwindet. Aber die Lähmung blieb. Sie blieb nachdem ich auflegte. Und sie blieb auch in den kommenden Tagen.

Vielleicht sollte ich Ordnung in dieses Leben bringen? Vielleicht kann ich so ihr Nest finden und sie entsorgen, dachte ich. So macht man das doch mit Ungeziefern. Mit Parasiten. Mit ungebetenen Gästen. Man entledigt sich ihrer.

Das ist nun zwei Wochen her. Und sie ist immer noch da. Egal wie sehr ich Ordnung schaffe. Egal wie sehr mein Verstand mich stützt und durch die Tage trägt. Egal wie sehr ich sie bekämpfe. Sie ist da, wenn ich aufwache. Und sie sitzt auf meiner Brust, wenn ich einschlafe. Sie hat meinen halben Körper in Besitz genommen und so heiß ich auch dusche, so sehr ich mich auch informiere, sie geht nicht. Sie will nicht. Sie mag es hier bei mir.

Mir ist nur mein Verstand geblieben. An dem halte ich mich. Er führt mich. Und er sagt, dass wir sie schon loswerden. Irgendwann. Bald. Hoffentlich.

Die Kinderärztin

 

Der Sohn hatte Ohrenschmerzen. Es war nicht erstaunlich, da er seit Monaten im Kindergarten seine Rotznase nicht wegbekam und eigentlich wunderte ich mich eher, dass der Infekt sich den halben Winter über nicht auszubreiten schien. Aber eines Abends sagte er, ihm täten die Ohren weh. Da ich durch seine große Schwester leider Expertin für Mittelohrentzündungen bin, habe ich ihm den Kopf höher gelagert, etwas gegen die Schmerzen gegeben, sowie Nasenspray und ihn ins Bett gesteckt. So ging das zwei Nächte. So lange das Schmerzmittel wirkte, war alles fein und das Kind fit wie eh und je. Ließ die Wirkung jedoch nach, weinte er auf und war ein Häufchen Elend. Dieses Auf und Ab haben wir dann am dritten Tag beendet und ich habe den Kinderarzt angerufen.

Die Praxis sei heute sehr voll, wurde mir gesagt. Ich könne mit dem Sohn gegen 11:15 Uhr kommen, aber unser Arzt könne ihn nicht behandeln, weil dieser schon komplett dicht sei mit Terminen. Seine Kollegin würde den Sohn anschauen. „Ja. Das ist ja kein Problem. Hauptsache jemand schaut kurz, ob er eine andere Therapie braucht als die aktuelle“, sagte ich.

Der Sohn freute sich also bis 11 Uhr auf den Kinderarzt. Denn der würde ihn ja wieder gesund machen und überhaupt ist es für den Mittleren schön, wenn er mal im Mittelpunkt steht. Bei drei Kindern ist das immer etwas Besonderes, wenn man einmal die ungeteilte Aufmerksamkeit hat. Wir malten zuhause noch was, machten gemeinsam den Babybruder startklar für unseren Arztausflug und fuhren zur Praxis. Der Sohn hatte das letzte Mal in der Nacht etwas gegen die Schmerzen von mir bekommen, weil ich keine Untersuchungsergebnisse am Morgen verfälschen wollte und er klagte wieder über Ohrenschmerzen. „Wir sind ja gleich beim Arzt.“ konnte ich ihn vertrösten.

Zusammen sind wir in die Praxis gegangen, haben uns angemeldet und uns ins Wartezimmer gesetzt. Dort freute sich der Sohn dann über die tollen Spielsachen. Es war fast, als würde ich einen Erlebnisausflug mit ihm machen. Ach, wie schön, wenn man sich so über Dinge freuen kann, dachte ich bei mir. Das Baby schlief, der Sohn spielte und ich las im Wartezimmer ein wenig Nachrichten.

Wir wurden aufgerufen, gingen in den Behandlungsraum und mein Mittlerer kletterte ein wenig eingeschüchtert auf meinen Schoß, während das Baby neben uns in der Autoschale schlief. Vor der Ärztin kam noch eine Sprechstundenhilfe und wog und vermaß den Sohn, fragte die Krankheitsgeschichte ab und verließ uns wieder. Die Ärztin würde gleich kommen.

Dann kam die Ärztin. Der Sohn verstummte, sobald sie den Raum betrat und traute sich nicht auf ihre Fragen zu antworten. Das führte zu der absurden Situation, dass ich die Fragen an den Sohn wiederholte, er mich ängstlich mit großen Augen ansah und ich die Fragen dann der Ärztin beantwortete. Dies wäre nicht weiter der Rede wert, denn der Sohn ist erst vier Jahre alt und solches Verhalten Fremden gegenüber ist in dem Alter durchaus normal. Die Ärztin befragte aber weiter den Sohn, ich -müde des Frageweiterleitungsspiels- antwortete direkt der Ärztin und begab mich mit dem Sohn zur Untersuchungsliege. Das Kind wurde von mir hochgehoben und auf die Liege gesetzt und die Ärztin untersuchte zuerst die schmerzenden Ohren.

Nun taten die Ohren ja bereits seit zwei Tagen und Nächten dem Kind weh. Als die Ärztin sich das erste Ohr mit der Hand so zurechtbog, dass sie besser hinein schauen konnte, heulte der Sohn auf. Es tat ihm weh, ich beruhigte ihn, dass die Ohren nur kurz untersucht werden müssen und die Ärztin sagte trocken „So weh, dass man da weinen muss, tut das aber nicht. Dafür sind die nicht rot genug.“ Sie attestierte einen beidseitigen Paukenerguss und schaute noch in den Rachen -auch gerötet- und horchte Herz und Lunge ab. Mein Sohn hatte nach der Ohruntersuchung jedoch nicht aufgehört zu wimmern und zu weinen, so dass ich ihn beim Abhorchen versuchte zu beruhigen, damit die Kinderärztin ihre Untersuchung fortsetzen kann. Am Ende dieser sagte sie dann „Der hat anscheinend die Männergrippe.“ und verordnete die doppelte Dosis eines Antibiotikums. Ich schnappte mir meine Söhne und das Rezept und verließ die Praxis.

Es sei ja jedem frei gestellt über Männer und Frauen zu denken, was er möchte. Ebenso kann wegen mir jeder für sich sein Weltbild basteln, warum Jungs so sind und Mädchen so. Jedoch da, wo man völlig unempathisch in seinem Job mit Kindern umgeht, ihre Gefühle nicht ernst nimmt und sie in eine Geschlechterklischeeschublade steckt und zwar so, dass das Kind dies auch noch mitbekommt, ist es nicht mehr reine Privatsache.

Mit dieser Kinderärztin sind wir zumindest durch. Und mit der Mittelohrentzündung inzwischen zum Glück auch.

Der Alptraum

„Sind Sie das mit dem Neugeborenen?“

Gerade erst habe ich den Eingang der Kinderklinik betreten, als eine Ärztin auf mich zustürmt. Ich bejahe, sie nimmt mir die Babyschale aus der Hand mit meinem Sohn, der grau und wimmernd darin liegt. Wir folgen ihr in einen Behandlungsraum. Eine zweite Person kommt. Sie ziehen meinen Sohn hektisch aus. Er wird verkabelt, an Geräte angeschlossen, es wird telefoniert.

Dann kommen noch zwei in blau gekleidete Frauen hinzu. Eine hat einen Rucksack dabei, der wichtig aussieht in rot und gelb. Ich stehe in der Ecke des Raumes zusammen mit der Freundin, die mich begleitet hatte, und beantworte die Fragen, die mir zugeworfen werden. Mein Sohn weint die ganze Zeit. Seine Haut ist grau-grün, seine Stimme rauh. Die vier Frauen, die ihn untersuchen wirken ernst, arbeiten konzentriert unter Druck, nehmen Blut ab, schließen Geräte an seinen kleinen Körper.

Die Ärztin, die mir zuerst entgegen kam, gibt Anweisungen, Untersuchungen müssen veranlasst werden. Die Werte werden sofort gebraucht. Ich stehe wie gelähmt weiter in meiner Ecke des Raumes. Ich kann nicht helfen, ich will zumindest nicht stören. Und in meinen Augen stapeln sich Tränen, die ich mit aller Kraft unterdrücke und nur ein Gedanke rast durch meinen Kopf, „Bitte stirb nicht.“

Man sagt mir, dass das Kind auf die Intensivstation kommt, ich könne gleich mitkommen. Es wird nochmals alles abgefragt. Seit wann sein Zustand so sei. „Seit heute Nachmittag.“ Wie lange er schon krank sei. „Es fing vor zwei oder drei Tagen mit Schnupfen an.“ Die blauen Frauen fahren mit mir im Fahrstuhl hoch, wir kommen auf die Intensivstation. Meine Brüste schmerzen, weil ich seit 6 Stunden nicht mehr mein Kind stillen konnte. Weil er von jetzt auf gleich zu schwach zum Trinken war, zu schwach zum Atmen.

Im Fahrstuhl ist ein wenig Zeit da. Die eine Frau erklärt mir, was noch für Untersuchungen anstehen, welchen Verdacht sie haben. Sie beruhigt mich „Sie haben alles richtig gemacht. Das kann bei so kleinen sehr schnell gehen.“. Mein Sohn ist da 19 Tage alt. Sie haben einen bestimmten Virus in Verdacht. Das Ergebnis des Schnelltests wird noch am gleichen Tag erwartet. Entzündungswerte ebenfalls. Dann wird noch eine Hirnwasseruntersuchung anstehen. Und die Lunge muss geröntgt werden. Ich konzentriere mich auf die Fakten, frage nach. Sie bringen mein Kind in ein Zimmer auf der Intensiv, die Chefärztin kommt zu mir, um die nächsten Schritte zu besprechen. Als ich zu ihm darf, liegt er in einem Babykrankenbett, verkabelt, mit einer sogenannten Nasenbrille ausgestattet, die Luft in seine Lungen presst. Ein Monitor überwacht seinen Puls, seine Atemfrequenz und seine Sauerstoffsättigung. Er scheint sich zu stabilisieren. Ich könne versuchen ihn zu stillen, sagt man mir. Aber der Versuch schlägt fehl. Nachdem er ein- zweimal an der Brust saugt, hört er wieder auf. Ich bin wie in Trance.

Er wird wieder in sein Bettchen gelegt. Und dann sind wir alleine im Raum. Ich schaue auf den Monitor, schaue mir seine Kurven an. Da sackt seine Sauerstoffsättigung ab und der Monitor bimmelt Alarm. Darauf fällt sein Puls und seine Atemfrequenz. Der Puls geht auf unter 100, unter 90, unter 80. Der Monitor bimmelt, ich stehe daneben, gelähmt, rufe niemanden und bitte ihn im Kopf abermals „Stirb jetzt bitte nicht. Stirb jetzt bitte nicht. Stirb jetzt bitte nicht.“. Eine Ärztin kommt, sie massiert ihn an der Schulter und er atmet wieder ruhiger. Ich drehe mich weg vom Bett und kämpfe mit den Tränen.

Irgendwann fahren wir nachhause. Ich werde meinen Sohn dort lassen müssen. Zuhause warten der Mann und die anderen zwei Kinder. Ich rufe den Mann auf dem Weg zum Auto noch an. Schildere, was geschehen ist. Gebe wider, was die Ärzte mir gesagt haben. Seine Stimme klingt brüchig, als ich rede. „Bitte, bitte nicht weinen.“ sage ich ins Telefon. Die Rückfahrt dauert ewig.

Daheim funktioniere ich. Schildere alles möglichst positiv für die Kinder. Sage, dass man sich dort um den Bruder gut kümmert und habe den Satz der Intensivschwester im Ohr „Ich kann Ihnen nicht sagen, was passiert wäre, wenn sie heute nicht gekommen wären.“. Ich gehe die vergangenen Tage immer wieder durch, während wir die Kinder alle gemeinsam bettfertig machen. Irgendwann sitze ich mit dem Mann alleine da. Die Klinik habe ich nochmal angerufen, die ersten Ergebnisse sind da. Der erste Verdacht hat sich bestätigt und sie wissen nun mit welchem Virus sie es zu tun haben. Nein, die Entzündungswerte seien gut. Die Röntgenaufnahme bestätigt, dass die Lunge nicht entzündet ist. Lediglich eine Bronchiolitis habe er. Glück im Unglück.

Die nächsten Tage sind wie in einem Film. Fahrten zwischen Klinik und Zuhause. Damit ich weiter stillen kann, muss ich Milch abpumpen. Die Milch geht dennoch zurück. Ich fahre mit tiefgefrorenen Milchflaschen zur Klinik, stehe schweigend neben dem Bett meines Kindes. Weil sein Virus hochgradig ansteckend ist, muss ich mich mit Kittel, Mundschutz und Handschuhen bekleiden, bevor ich den Raum betrete. Er schläft immer wenn ich komme und ich will nicht stören. Fühle mich deplaziert, kann ihm nicht helfen und lasse meine gummibehandschuhten Hände daher bei mir und sage nichts.

Seine Werte werden jeden Tag besser. Nach zwei Tagen fragt mich eine Intensivschwester, ob ich mein Kind auf den Arm nehmen möchte. Eigentlich muss ich zu diesem Zeitpunkt schon wieder zurück zu meinen anderen Kindern fahren. Aber ich bleibe, bekomme mein Baby auf die Brust gelegt und kämpfe wieder mit den Tränen. Mein Verstand weiß, dass er hier gut aufgehoben ist, zwischen diesen Monitoren und Schläuchen. Meine Hormone sagen mir, dass ich als Mutter versagt habe und nun überflüssig bin. Zwischendrin immer wieder Milch abpumpen. Die Pumpe in der Klinik ist besser als meine daheim. Also pumpe ich dort zweimal am Tag ab und lerne so andere Mütter kennen. Höre mir ihre Geschichten an und schäme mich, dass ich drei gesunde Kinder habe. Ich werde demütig.

Tagsüber lenke ich mich ab im Internet und mit den Aufgaben daheim. Abends liege ich neben dem Mann und weine, weil mir mein Kind fehlt.

Genau eine Woche später ist unser Sohn bereits auf einer normalen Kinderstation und die Stationsärztin fragt mich, ob ich mein Kind wieder mit heimnehmen wolle. Genauso plötzlich wie der Alptraum anfing, endet er.

Ich stammel: „Ja. Ich muss nur noch schnell einkaufen und seine Sachen holen.“

Die Angst

Sie redet. Ich weiß nicht wie lange sie schon auf mich einredet. Die Worte prasseln wie ein Hagelschauer auf mich herab und dringen doch nur langsam zu mir durch. Sie rattert die Worte herunter in einer Aufgeregtheit, die mich überzeugen soll. Aber sie gibt mir meine Medikamente nicht. „Gib mir meine Medizin!“ möchte ich ihr in einer kurzen Sprechpause sagen und merke, wie die Worte von meinem Mund gebellt statt gesprochen werden. Da fängt sie abermals an die Worte auf mich herabprasseln zu lassen.

Ich verstehe sie nicht. Fetzen dringen an mein Ohr. Sie säuselt, sie habe mir die Medikamente bereits gegeben, ich solle ihr vertrauen. Es ist eine Falle. Mein Körper bekommt keine Luft, meine Atmung rasselt und sie gibt mir nur diese Wortkaskaden, nicht aber die Medizin, die ich dringend brauche.

Sicher hat sie mit dem Arzt geredet. Sie wollen mir die Medizin nicht geben. Sie wollen mich einfach so sterben lassen. Sehen sie denn nicht, wie schlecht es mir geht? Mein Leben hängt von dieser Medizin ab und sie schauen nur zu wie ich dahinvegetiere. „Warum vertraust du mir nicht?“ fragt sie. Mein Kopf echot ihre Frage in den Raum. Die Atemnot macht mich wirr. Oder hat sie mir vielleicht die falschen Medikamente gegeben? Plötzlich wird sie laut, sie schimpft. Ich will doch nur meine Medikamente. Warum schimpft sie denn? Ihre Stimme schrillt jetzt, weitere Kaskaden rattern durch den Raum aus ihrem Mund. Nun ist auch die Tochter da. Beide sprechen. Aber keine gibt mir die lebensnotwendige Medizin. Mein Herz rast, meine Lunge rattert und ich bekomme nur Worte, Worte, Worte. Sie sagen mir, dass ich so nicht reden dürfe. Sie reden nun beide auf mich ein. Sie werden mich hier sitzen und sterben lassen, begraben unter Worten. Ihre Argumente laufen meinen Gedanken davon und ich sacke in mich zusammen. Sie werden mir die Medizin nicht geben. Warum helfen sie mir nicht?

„Gib mir meine Medizin!“ höre ich mich brüllen.

Dann bin ich plötzlich alleine.

Ein Geier mehr

Ich weiß noch, als ich ihn zum ersten Mal am Himmel erblickte. Er war nur aus der Ferne zu sehen und ich hatte ihn, kurzsichtig wie ich war, zuerst für einen Singvogel gehalten. Aber er kreuzte meinen Blick immer häufiger und ich merkte mit der Zeit, dass er mir zu folgen schien.

Zuerst hielt ich das noch für ein Versehen, oder für einen Zufall. Ich fragte meine Begleitung, ob das sein Vogel sei und er sagte mir, dass er früher einst einen Vogel im Herzen trug, aber dieser lange gestorben sei und sicherlich nichts mit dem Geier dort oben zu tun hätte. Denn sein Vogel sei eine hübsche Bekassine gewesen.

Der Geier über mir blieb.

In den kommenden Wochen versuchte ich den Geier zu locken. Ich wollte wissen, was er von mir wolle. Ich wollte ihn fragen, ob er mein Ende sehe. Er schrie mich an, so leiseleise schrie er, und sagte, dass all ein Lieben sterben werde. Und so würde auch ich eines Tages ein Geier sein.

Danach stimmte er ein Klagelied an und wir weinten, jeder für sich.

Wenn ich ein Mann wäre

Liebe Christine,

Du hast mir die Frage weitergereicht, wie mein Leben aussehen würde, wenn ich ein Mann wäre. Und dabei hast Du mir gar nicht verraten, ob ich denn ein großer oder ein kleiner Mann sein würde.

Vielleicht, weil es Dir gar nicht bewusst ist, wie sehr das mein Mannsein bestimmen würde. Denn insgesamt würde ich als Mann ja auf dem Männlichkeitsscoring eine Mindestpunktzahl erreichen müssen. Und als kleiner Mann hätte ich da durch die Genetik bereits einen Malus, den ich durch Bonuspunkte in anderen Bereichen wettmachen müsste. Es ist nämlich nicht so einfach ein Mann zu sein, weißt Du? Man hat als Mann ein ganz anderes Gehirn zum Beispiel. Das funktioniert irgendwie nicht so richtig, würde ich jetzt als Frau sagen. Frau Prof. Birkenbihl hat das in einer Vorlesung, die ich mir online ansah, etwas netter formuliert. Sagen wir mal, es ist einfach anders.

Ich wäre als Mann auf jeden Fall schon mal nicht in der Lage viele Dinge parallel zu machen. Tatsächlich bezweifle ich, dass es mir möglich wäre gleichzeitig produktiv auf dem Klo zu sitzen und dabei zu lesen. Meine Befürchtung ist, ich müsste mich selbst hierbei immer mit den Tätigkeiten abwechseln. Was übrigens, meiner Meinung nach, auch der Grund ist, weshalb Männer so furchtbar lange im Bad brauchen für das große Geschäft. Ich könnte auch nicht einfach so meinen Tag planen und dann von diesen Plänen abweichen. Wenn ich mir so 1-2 Punkte auf meine Liste gepackt hätte, dann würde ich den zweiten eben ein halbes Jahr vor mir herschieben, bis die Frau, sofern ich eine hätte, mich dazu zwängte den 2 .Punkt mal auf die erste Stelle meiner ToDoListe zu setzen. Was dann mit dem runterpriorisiertem Punkt 1 wäre, muss ich Dir ja nicht verraten.

Das Leben wäre insgesamt somit ziemlich anstrengend für mich. Vermutlich hätte ich mich daher im ersten Drittel ein wenig ins Zeug gelegt, um eine Frau nachhaltig an mich zu binden, die sich dann um meinen Alltag kümmern könnte. Es wäre nett, wenn es eine Frau wäre, mit der ich ein wenig angeben könnte. Aber es wäre nicht so super für mein Männlichkeitsscoring, wenn sie mich überstrahlte in Erfolg oder Esprit. Nur ihr Körper, der darf ruhig heißer sein als meiner. Ein wenig zumindest. Und um diese Frau dann zu halten, würde ich wohl niemals zugeben, dass ich nicht überlebenstauglich wäre. So lange es andere Frauen gibt, wäre das ja auch nicht 100%ig gelogen.

Da ich also nur eine Sache an einem Tag so richtig gut hinbekommen würde, würde ich mich auch nur auf eine Sache konzentrieren. Das wäre dann die Sache mit dem höchsten Männlichkeitsscoring. Es wäre also die Arbeit. Da würde ich mich voll reinknien. Mitsamt Kaffeepausen und schmutzigen Witzen, um in meiner Horde im Job einen möglichst männlichen Eindruck zu hinterlassen. Da ich darauf getrimmt wäre, mit meinem Männergehirn, hierarchisch zu denken, würde ich so schön nach oben buckeln und nach unten ein bissl treten. Die Damen im Büro, die für die Rangspiele zu dumm wären, würde ich hübsch vorführen, um mich auf ihre Kosten nach oben zu buckeln. Und daheim wäre ich immer so nett ausgebrannt, dass ich natürlich erstmal dringend Ruhe bräuchte, wenn ich Heim käme.

Als moderner Mann, würde ich mich natürlich auch um die Kinder kümmern. Also mit ihnen den Quatsch machen, den meine Frau dann so semisuper fände. Ich würde den coolen Typen raushängen lassen auf dem Spielplatz, wo mich alle sehen. Und daheim würde ich halt schön meine Ruhe wieder brauchen. Weil: ich kann nicht zwei Sachen an einem Tag machen!

Vielleicht würde ich auch ab und zu mal etwas im Haushalt machen. Klodeckel nicht oben lassen, zum Beispiel. Oder das schmutzige Geschirr etwas näher Richtung Spülmaschine bringen. Aber nicht zu oft, um keine perversen Erwartungshaltungen mir gegenüber zu erzeugen. Das wäre nach außen sicherlich ein schönes Leben. So als Mann. Aber wie mit jeder Behinderung, wirkt das nur so nett, wenn man nicht drin steckt.

Also, Christine. Ganz ehrlich, wenn ich ein Mann wäre…

Ich würde mich schleunigst zu einer Frau umoperieren lassen!

Gruß und Kuss,

Deine Helena

Raclette des Grauens

Freunde kann man sich aussuchen. Familie nicht.

Was man bei Freunden jedoch viel zu spät meist in die Auslese mit einbezieht ist: ihre Kunst ein guter Gastgeber zu sein. Zugegeben sind das keine Fähigkeiten die in der Zeit der Jugend, in der man sich durch Kneipen, Tanzflächen und Konzerte schlägt, stark ins Gewicht fallen. Jedoch spätestens dann, wenn man anfängt die bürgerlichen Verabredungen der Eltern zu immitieren und sich zum Essen daheim einlädt, fällt es einem wie Schuppen von den Augen, mit was für Subjekten man sich den ein oder anderen Vollrausch angetrunken hat.

Meine persönliche Götterdämmerung waren dabei die Einladungen zum Raclette in meinem Leben. Eine Abart die ich aus meiner Familie, in der tatsächlich gekocht wurde, nicht kannte. Mir war die Verzückung für gemeinsames Sitzen um ein Raclette ebenso fremd wie befremdlich, bevor ich das erste Mal in den Genuß eines solchen Abends kam. Ausschweifend wurde mir berichtet was da alles aufgetischt wird. Fleisch und Kartoffeln und Gemüse und leckere Soßen und das Ganze dann mit Käse überbacken, klangen zuerst gar nicht so verkehrt. Und fast wäre ich neidisch auf diese Freunde gewesen, die so tolle Racletteabende zu ihren schönsten Erinnerungen zählen konnten.

Bis mich die bittere Realität einholte.

Denn zum Raclette lädt Dich nur der ein, der nicht kochen kann, eben weil es nicht halb so en vogue ist zu belegten Broten einzuladen, die man sich gemeinsam schmiert. Wenngleich ich inzwischen letzteres vorziehen würde.

Die triste Wahrheit über Racletteessen in meinem Bekanntenkreis war, dass man Stunden damit verbringt sich Miniaturportionen von billigem, ungewürztem Fleisch auf einem „heißen“ Stein anzubraten. Immer argwöhnisch belauernd, dass der noch verfressenere Sitznachbar einem nichts wegnimmt, bevor es nach einer Ewigkeit essbar ist. Währenddessen kann man sich Fertigsaucen auf den Teller schütten und in grotesk kleinen Pfännchen sich einzelne Scheiben an Kartoffeln, wahlweise mit Pilzen oder Gemüse, von Lawinen an Käse überbacken lassen. In einer Stunde essen, schafft man es so mit Hilfe von zwei Litern Bier und einem halben Baguette, den gröbsten Hunger zu stillen und insgeheim alle Freundschafte zu verfluchen, die einen zum Essen einladen, dass man dann doch selber kochen muss. Der Geschmack des Essens ist dabei recht, nun, ursprünglich. Denn weder war je ein Raclette, das ich hatte, mit marinierten oder raffinierten Zutaten. Noch bin ich je bei einem Raclette satt geworden. Egal ob ich die einfache Pfännchentaktik wählen musste, oder sogar (oho!) auf zwei davon zurückgreifen konnte.

Es gibt Dinge, die werden mir einfach fremd bleiben. Aber wenn Liebe durch den Magen geht, und Freundschaft eine Form der Liebe ist, dann seid gewarnt! Mit Raclette setzt Ihr bei mir auf das falsche Pferd! Sofern es nicht das nächste Mal saftige Pferdesteaks mit Antipasti dazu gibt.

Rewind

Ich drehe zurück auf null. Die Zwischenspeicher gelöscht, der Verlauf ab auf den Sondermüll, alle Gefühle auf Werkseinstellung. Keine Dämonen, keine Sorgen, keine Zeitrechnung.

Wir drehen uns krumme Zigaretten und trinken zu warmes Bier. Ich. Du. Hier.

Und wenn Du mich fragst wie mein Tag war, werde ich nicht antworten können. Denn die Tage sie sind hinfort und ich bin für keinen Neuen bereit.

Es tropft Dir der Regen von der Stirn. Ich trinke weiter am Bier. Und wir sind. Hier.

Frauen über 30?

Wann mich das Thema Alter und Frauen zum ersten Mal genervt hat, kann ich schon nicht mehr sagen. Ob es die Mutter einer Freundin war, die ihr Alter immer wieder thematisierte, indem sie anscheinend nicht gerne darauf angesprochen wurde. Ob es die Frauen waren, die ewig 29 sein wollten. Ob es die Männer waren, die Scherze darüber machten, was Frauen jenseits der 30 alles nicht mehr seien.

Verstanden habe ich all das nicht. Dass bei einer Lebenserwartung jenseits der 70 mit 30 quasi alles für Frauen vorbei ist, wo Männer nur noch interessanter werden, ist von beiden Seiten betrachtet Blödsinn. Und eigentlich ist es auch alles nicht der Rede Wert. Könnte man meinen. Denn wie ein @nacktmagazin nach dem Start von #FrauenUEber30 auf Twitter schrieb: „Ohne Twitter hätte ich ja nie für möglich gehalten, dass auch Frauen über 30 hübsch sein können.“

Und doch, war ich am Freitagabend so genervt von diesem Altersding, von all diesen Sprüchen, dass Frauen über 30 zumindest noch Charakter hätten. Davon, dass man über 30 jenes sei, nicht sei, dass ich einen Tweet losschickte, der lautete:

 

„Hätte Lust ne Selfieserie mit Frauen über 30 zu starten. Wer ist dabei?“

 

Und kurz danach tweetete ich ein Selfie von mir, müde auf dem Hotelbett morgens in Paris mit dem Hashtag #FrauenUeber30.

Ich hatte weder ein Pamphlet, noch eine große Botschaft, sondern nur die Idee, dass sich vielleicht ein paar Frauen anschließen und ebenso ihr Gesicht tweeten mit dem Hashtag verziert. Wie ein kurzes: Himmel, ja! Ich bin auch über 30!

 

Mittlerweile sind deutlich mehr Frauen dem Aufruf gefolgt, als ich gedacht hätte. Und es gab mehr Tweets zu dem Thema, als ich erwartet hätte. Es sollte nicht diskussionswürdig sein. Da gebe ich @nacktmagazin vollkommen recht. Aber dass es das ist zeigt mir, wie die Reaktion darauf ausfiel. Wie oft die einzelnen Selfies gefaved wurden auf Twitter, dass die ersten Scherze darüber entbrannten und die ersten Männer nun das Gleiche tun und ihre Selfies mit #MaennerUeber30 tweeten. 

Wenn es ohne Belang wäre, als Frau älter zu werden, wäre meine Idee ein Rohrkrepierer geworden. So ist es eine hübsche, kleine Ansammlung an Frauen, die nicht immer 29 sein müssen. Und ich freue mich sehr darüber. Es ist keine Revolution, die Intention der einzelnen Beteiligten ist mir völlig unbekannt. Aber ich freue mich, dass so viele mitgemacht haben. Offensichtlich gibt es doch einige da draußen, die den Sprung über die ewige 29 geschafft und überlebt haben. Das macht mir Hoffnung.

Helena,noch 35 Jahre alt

 

Mama Buddha

Wir atmen ein und atmen aus. Tief einatmen und laut ausatmen. Die heiße Luft schickst Du in die Kälte. Und so wie dort drinnen der Sturm tobt, zerrt hier draußen der Winter an Dir.

Du befindest Dich auf dem achten Ring zum Pfad der Erleuchtung. Es werden noch viele kommen. Du wirst sie willkommen heißen, wie die sieben zuvor. Gut, die letzten beiden waren ein wenig gemein. Die galten quasi doppelt, aber wir wollen uns hier nicht in Kleinlichkeiten ergehen. Einatmen! Ausatmen!

Die Ringe haben Dich schon viel gelehrt. Der Erste Ring war das Horchen in Dich selber. Dafür durftest Du die Übung sabberndes Schlafsäckchen auf der Schulter studieren, die in ein schlafendes Säckchen zu Deiner Seite endete. Immer wieder hast Du es geübt, Deinen überdrehten Puls runterzubremsen und einzutauchen ins Atmen. Bis Du eins wurdest mit dem Säckchen. Ein Tiefschlafentspannungssäckchenpaket.

Der zweite Ring lehrte Dich vertrauen. In das, was Du liebst. In das Loslassen. In das Staunen. Und phasenweise in das Schweigen. Aber unter uns gesagt ist Schweigen ja wohl noch nicht so Deine Stärke…

Der dritte Ring führte Dich zur Spiritualität. Es ist gut zu sehen, wie Du auf Wissenschaften verzichten kannst, Dich von der Wissensgesellschaft lösen kannst und der Religion Deiner Wahl die Erklärung lässt. Tektonische Plattenverschiebungen waren ja ohnehin nicht Dein Steckenpferd.

Der vierte Ring gab Dir einen Spiegel. Und Du hast gesehen wie viele unschöne Wörter Dich verschmutzten und wie viel schöner es ist „dumme Nuss“ zu schimpfen als Fäkalflüche zu verwenden. Ja, Du bist schon ein ganz schönes Schandmaul gewesen. Wir arbeiten hier noch dran.

Der fünfte Ring war die Vorstufe zur doppelten Beringung. Du hast Dich von allen Schönheitsidealen verabschiedet und weißt es nun zu schätzen, wenn man über Äußerlichkeiten charmant hinwegsieht.

Der sechste Ring war der Schlafentzug. Weil das so lustig ist mit Dir, die Du doch ein ewiger Morgenmuffel warst und unter zehn Stunden Schlaf nur halb einsatzbereit, haben wir beschlossen diese Phase in die folgenden Ringe mit rüberzunehmen.

Der siebte Ring zeigte Dir dann, dass Du auf irdischen Besitz und Oberflächlichkeiten verzichten kannst. Du brauchst dieses Tablett-Computerding nicht. Du brauchst keine Ordnung. Es ist immer gut auch ein bisschen Nahrung unter dem Sofa zu horten. Wie sonst wüsstest Du welche Lebensmitteln unter Sofas versteinern und welche niemals schimmeln, egal wie lang man sie in Dosen aufbewahrt? Du schätzt nun spontane Kunst auf Regalen ebenso wie die Hölle der selbstgemalten Bilderfluten.

Und nun bist Du im achten Ring. Du lernst den Zorn auszuhalten. Du lernst nun ihn anzunehmen. Und Du lernst, dass manchmal nur das Weiteratmen hilft. Ja, nur das Weiteratmen manchmal schon reicht.

Du bist auf einem guten Weg. Aber jetzt solltest Du langsam reingehen.

Es ist kalt.

Und da drinnen zerlegt gerade jemand Dein Wohnzimmer.

Montage? Kann ich!

Heute ein kleiner, exklusiver Einblick in meine erfolgreiche Woche als Mutter, Büroangestellte, Frau. Die Highlights sind in halbwegs sortierter Reihenfolge und sollen jedem die Sicherheit geben: was die kann, kann ich auch!

Fangen wir an:

Montag startete mit meinem vergessenen Firmenlaptop daheim. Bemerkt wurde es von mir als ich bereits in der Tiefgarage vom Büro war. Hatte mich somit einen Tag an einem anderen Arbeitsplatz eingelogged und brav den Satz „Ich bin zwar da, aber mein Rechner ist daheim“ als Mantra aufgesagt. Kann ich nur empfehlen! Die Kollegen hatten gleich bessere Laune als sonst.

Vor dem Bürogebäude dann beim Rauchen und Witzeln über die seltsamen Klopapierspuren vor dem Herrenklo bei uns, fiel mir ein Tampon auf den Boden. Zum Glück standen in diesem Moment gerade besonders viele Menschen mit draußen und rauchten. Kleine Sünden werden gleich bestraft! Merke: keine Kommentare mehr zu Klopapier!

Habe unter der Woche vergessen dem Sohn Schnuller, Getränk, was auch immer, mitzugeben, mitzubringen, anzubieten. Wurde jedes Mal von ihm gleich zur Ordnung gerufen.

Am Mittwoch eine Einladungskarte für eine Party einer Tochterfreundin bekommen. „Mama, die Party ist morgen!“ sagte die Tochter zu mir. Habe der Tochter mitgeteilt, dass die Party nicht schon morgen wäre, da stünde ja 30. Januar. Die wäre erst am Samstag. Am Telefon abends mit der Gastgebermutter die Anekdote zum Besten gegeben, dass mein Kind dachte, die Feier seie ja schon am nächsten Tag. Von der Gastgebermutter daraufhingewiesen worden, dass der 30. Januar ja auch der nächste Tag sei.

Donnerstag im Homeoffice gewesen – Laptop und ich am selben Ort! Möbel von Ikea in Empfang genommen und nachmittags die Tochter kurz zur Party gebracht. Dazwischen gearbeitet. Abends noch einen Blogbeitrag geschrieben. Dann zwei (oder drei?) Gläser Veltliner getrunken und seelig geschlafen.

Freitag rächte sich der Körper und bescherte Kopfschmerzen. Das Morgenprogramm haben wir irgendwie rumbekommen. Im Büro wies mich eine Kollegin darauf hin, dass ich meine Bluse links rum anhatte. Ich sorge einfach gerne für gute Laune im Team…

Freitag Mittag ein Anruf vom Kindergarten. Der Sohn habe Fieber. Laptop und ich auf dem Weg Heim.

Wochenende! Herr Helena muss arbeiten. Ich ergehe mich gleich in Backexperimente und versichere, dass jeder an diese Glanzleistungen von mir anknüpfen kann! Man muss es nur wirklich wollen!!!

Und wie war Eure Woche so?

Das Gespräch

Wir müssen reden.

Du und ich. Denn ich, ich kann so nicht mehr. Und Du, Du bringst mich an meine Grenzen. Und eigentlich müssen wir auch nicht reden. Du musst nur endlich einmal zuhören!

So wie heute morgen. Weißt Du, ich will jeden Morgen früher aufstehen, damit wir Zeit haben. Und ich mache das wirklich ganz vorsichtig mit dem Wecken. Erst zärtlich reden und wenn Du dann nicht aufstehen willst, werde ich ein wenig lauter. Vielleicht wachst Du dann ja auf? Und dann irgendwann, nach einer gefühlten Ewigkeit, platzt mir halt auch der Kragen. Ja, dann schreie ich auch mal. Aber was soll ich denn auch machen? Du hörst ja sonst nicht. Liegst da in Deinem Bett, als ob Du alle Zeit der Welt hättest. Und dabei hast Du die nicht. Ich weiß das wohl. Im Gegensatz zu Dir!

Und wenn wir dann schon so schön suboptimal in den Tag starten und ich wieder ein wenig Ruhe in die Sache bringen will, erstmal ein bissl Fernsehen und was Warmes trinken, ein bisschen kuscheln, um gut in den Tag zu starten, dann denkst Du nur ans Essen machen. Du willst nicht fernsehen, Du willst nicht kuscheln, Du willst nur auf MEINEM Smartphone rumdrücken und denkst nur ans Essen. Und ans Anziehen. Und an Deine Bedürfnisse. Du bist da so in Deinem Film und ich bekomme Dich da nicht raus. Manchmal sitze ich dann nur noch da und weine und schreie, weil ich nicht mehr weiter weiß. Und Du? Essen! Himmel! Als wenn wir geradezu vor der nächsten Nahrungsmittelkrise ständen.

Und dann gefallen Dir nicht die Klamotten, die ich aussuche. Warum können wir nicht einfach was anziehen, was ich nett finde? Warum musst Du das aussuchen? Ich habe nach so einem Start in den Tag wirklich keine Lust auch noch mit Dir darüber zu diskutieren was für Wetter gerade draußen ist. Glaubst Du etwa, dass Du das besser beurteilen kannst?

Mensch Mama. Das geht so nicht weiter. Ehrlich nicht.

Wie wäre es einfach, wenn Du morgen brav um 4:40 Uhr aufstehst, wie andere Mütter auch, und schön mir meine DVD einlegst und mit mir eine Runde kuschelst und dann irgendwann um zehn können wir doch immer noch in den Tag starten.

Das muss doch EINMAL möglich sein!

Dein Sohn

Zdenko

Es ist bald zwei Jahre her. Mein Sohn war noch ein Baby, die Tochter gerade fünf und wir hatten die erste Wintersaison mit Infekten und Arbeit zu viert hinter uns. Eine nie zu enden scheinende Kette an Viren, die wir durch unsere kleine Familie reichten.

Ich weiß nicht mehr genau ob es ein Wochenende war als meine Mutter mich anrief. Nur, dass es einer dieser Anrufe war, bei denen ich mir zuschaute wie ich mich von mir selbst entfernte als sie sagte, dass Zdenko umgebracht worden war. Wie durch Watte sagte ich schnell, dass ich nicht sprechen könne und die Kinder noch wach seien und legte auf.

Der Rest des Tages lief in Trance ab. Meine Kinder kamen mir wie zwei Besucher aus einer besseren Welt vor. Lebenshungrig im Jetzt und unbekümmert, als ob ich nur geträumt hätte.

Als sie abends fest schliefen rief ich zurück.

Mein Cousin war von seinem über 70jährigen Nachbarn erschossen worden. Nach einem Streit darüber, dass er nicht mit ihm trinken wollte. Während Zdenko mit seiner Frau im Weinberg arbeitete kam der Andere zuerst mit einem Messer aus dem Haus, um auf ihn loszugehen. Und als mein Cousin ihm dieses aus der Hand schlagen konnte, kehrte der Nachbar ins Haus zurück und schoss aus dem Fenster auf ihn. Er traf ihn von hinten und die Kugel ging durch ihn durch und streifte noch Zdenkos Frau. Die letzten Worte meines Cousins wahren „Ich bin getroffen“ als der Nachbar aus dem Haus stürmte und meinen am Boden liegenden Cousin mit dem zweiten Schuss erschoss.

Zdenko war viel älter als ich. Mein ältester Cousin. Uns verbanden Kindheitssommer mit Meer und Eis. Er war mein Beschützer und ich seine Prinzessin. Wie mit all meinen Cousins und Cousinen verband uns eine tiefe Geschwisterliebe. Mit dem Krieg in Jugoslawien sahen wir uns immer weniger. Er war selber Soldat und die ganze Familie froh, dass er ihn lebend überstand.

Er hatte seine Eltern selbst so früh verloren, dass ich keine rechte Erinnerung an sie habe. Aber ich erinnere mich an unsere Sommer. An seine Liebenswürdigkeit, an seine Zeit als junger Macho, der immer wieder neue hübsche Frauen da hatte, an seine Versuche sich selbständig zu machen, die dann doch scheiterten. All das zu einer Zeit, zu der ich zu jung war um viel davon zu verstehen.

Und all das hat er überlebt. Hat sich immer wieder aufgerafft mit seinem Optimismus und von vorne begonnen. Er hatte mit den Jahren an Ruhe gewonnen. Hatte sich mit seiner Frau ein hübsches, kleines Leben geschaffen. Hatte den Krieg überlebt. Nur den Nachbarn nicht.

Und ich saß da. Mein eigener Sohn so klein. Und musste weinen. Immer wieder schüttelte es mich. Wie sehr man einen Menschen liebt, ihn beim groß werden begleitet und dann kommt einer daher und beendet alles. Das Gute. Das Schlechte. Die Hoffnung. Das Leben. Einfach so.

Wenn der Alltag mich manchmal überrollt, unter seinen Wellen von Banalitäten und Schmutzwäsche begraben will, kommt mir Zdenko ins Gedächtnis. So wie jetzt. Und ich bin dankbar um dieses Leben, dass ich haben darf. Um meine Kinder, die ich begleiten kann. Und darum, nicht an einem Ort zu leben in dem mein Nachbar mit der Flinte auf mich losgeht.

Komm!

Komm, wir bleiben heute liegen und gehen mal nicht raus. Nicht aus dem Bett, nicht aus dem Zimmer und sicher nicht aus dem Haus! Wir drehen unsere kleinen Runden nur unter dieser Decke. Wir denken nur bis zum Kissenrand, im Tierkreiszeichen Schnecke.

Komm, wir schlafen noch ein Weilchen hier so Arm in Arm. Ich mit der Nase in Deinem Nacken, halte Dich ganz warm.

Komm, wir lassen die Welt heut still stehen in unseren vier Wänden. Die Kinder sollen Fernsehen schauen und uns den Schlaf ruhig spenden.

Komm, wir schicken unseren Chefs eine Gemeinschafts-SMS. Alle hätten es schon vermutet, es stimme, wir seien gestresst.

Denn schöner ist doch nur das Scheitern. Das bringt mehr Sympathien. Keiner wird auf Karriereleitern bejubelt und beschrien.

Komm, wir sagen das Projekt Familie sei uns nicht geglückt. So mancher wird dank unserem Plan dann auch mal ganz entzückt. Dann können sie sich hübsch zuraunen „Ich hab es doch gewusst!. Das was die tun, das geht doch nicht. Denen fehlt doch auch die Lust!“

Komm, wir fahren dann in Ferien an einen schlimmen Ort. Irgendwo, wo man fein streitet, am besten nicht weit fort.

Komm, wir warten dann darauf, dass uns das Geld ausgeht. Wir sind zu alt für Ratenzahlung, was die Bank sicher versteht.

Komm, wir hören schlimme Lieder mit tiefgründigen Zeilen. Doch bitte nur aus Liederseen, die schön im Seichten weilen.

Komm, wir scheitern jetzt gemeinsam und schauen uns dann an, was so ein Gemeinschaftsscheitern an Freuden bringen kann.

Komm! Ich will Dich noch einmal küssen. Weil gleich der Wecker geht.

Denn im Geheimen liebe ich, wie unsere Welt sich dreht.

Und stehe auf und nehme die Kinder und fange den Tag doch an.

Und koche Kaffee für uns beide und wecke Dich freundlich, mein Mann.

Hut ab, Herr Gabriel!

So so, Herr Gabriel holt also einmal in der Woche sein Kind vom Kindergarten ab und alle jubeln ihm zu. Ein Hoch auf Herrn Gabriel, vollbringt er unglaubliche Leistungen, man möge ihm einen Orden anhängen. Natürlich ist das alles nur eine große PR-Kampagne und sowieso, was ist mit all den Frauen, die das tagtäglich tun, nach denen schreit kein Hahn. Eine Frau, die tagtäglich diese Leistung erbringt, wird als Hausfrau und Mutter sowieso nur abschätzig betrachtet. Und dann kommt da so ein Vizekanzler daher und verbringt einen halben Tag in der Woche mit seinem Kind und die Welt steht vor Begeisterung Kopf.

Aber Moment, da war doch was?! Ach ja richtig, das war genau das, was wir Frauen wollten. Wir wollten einen Partner, der Verantwortung für die Kinder übernimmt, der nicht nur der Präsenzkultur frönt, der auch im Beruf mal mit der Faust auf den Tisch haut und „Ja“ sagt zu seiner Familie und seinen damit einhergehenden Verpflichtungen.

Was muss es einen Vizekanzler wohl gekostet haben, sich einen Nachmittag in der Woche frei zu kämpfen. Das ist ihm gewiss nicht zugeflogen. Viele Väter haben die Erfahrung gemacht, wie schwer es ist, beruflich für seine Kinder kürzer zu treten. Es soll Väter geben, denen mit einem Karriere-Aus gedroht wurde, sollten sie nur daran denken, Elternzeit zu beantragen. Väter müssen viel mehr kämpfen, um die gleichen Rechte zu bekommen, wie wir Frauen. Umgekehrt kämpfen wir Mütter natürlich auch. Und da zeigt es sich wieder: wir sitzen alle im selben Boot. Es bringt nichts, auszuloten, wer mehr leistet. Das hat ein wenig was von den typischen Elternstreitigkeiten, keiner fühlt sich wertgeschätzt, jeder rechtfertigt sich nur noch, macht dem Anderen Vorwürfe und zusammen zieht man nicht mehr am selben Strang. Das führt unweigerlich zu der Frage, wer da wen geringschätzt. Wenn wir einen Kind-Nachmittag nicht als Leistung anerkennen, dann erkennen wir gleichzeitig unsere eigene Arbeit ebenso nicht an. Ich habe mal gelesen, Frauen brezeln sich nicht für Männer auf, sondern für die anderen Frauen. Ich glaube da ist was dran und ich glaube, ein ganz kleines bisschen kann man das auch auf die Geringschätzung der Familienarbeit ummünzen.

Ich verstehe die Reaktion vieler Frauen. Der Jubel der Medien gleicht mancher wohl einer Ohrfeige, erbringt sie selbst täglich diese Leistung und hat nicht das Gefühl, dass sie nach Außen hin einen Wert hätte. Aber rein gesellschaftlich glaube ich, dass dieser Schritt ein großer ist. Und statt diesen klein zu reden, sollten wir diesen Artikel nehmen, ihn unseren Männern/ Bekannten/ Vätern hinlegen und sagen: Ich finde es mutig und nachahmenswert, was der sich traut! Und was lösen wir durch die sarkastische Reaktion aus? Gewiss nicht, dass unsere Männer motiviert sind, einen ersten Schritt in Richtung mehr Familie zu wagen. Wird dieser ja doch nicht wertgeschätzt.

Das ist so ein wichtiges Zeichen, das Herr Gabriel da setzt. Und ja mei, vielleicht ist es auch dazu noch PR, aber auch wir können diese für unsere eigenen Zwecke nutzen – Mütter, wie Väter. Wenn es schon „normal“ ist, dass ein Vizekanzler Familienzeit hat, dann könnte das doch für den Rest von Deutschland bald auch üblicher werden, sowohl für Arbeitgeber und Arbeitnehmer, sowohl für die unten als auch die oben in den Hierarchien.

Also, Hut ab Herr Gabriel. Und Danke!

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Dies ist ein Gemeinschaftsbeitrag von Tina von VOMWERDENZUMSEIN und mir. Wir telefonieren und schreiben uns regelmäßig und tauschen uns intensiv über Vereinbarkeit aus. Wir glauben daran, dass Änderungen im Kleinen möglich sind und beginnen und dass alles mit einem ersten Schritt anfangen muss. Manchmal sind erste Schritte auf den ersten Blick so klein, dass sie nicht der Erwähnung Wert scheinen. Aber jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt. Und wir glauben, dass er genauso viel Anerkennung verdient wie der Letzte. Für Männer, für Frauen, für Euch und für uns!

Ich will kein Vater sein

Eine der undankbarsten Rollen heutzutage ist es, ein Vater sein zu wollen. Und zwar so einer, der auch mal da ist. Der ebenso sich wünscht Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen und nicht nur am Wochenende sich entnervt hinter der Zeitung zu verstecken.

Und ganz ehrlich: wäre ich ein Mann, ich weiß nicht ob ich den Kampf gegen die Mühlen aufnehmen würde. Denn trotz immer wieder disktutierter Themen wie Work-Life-Balance, Vätermonate in der Elternzeit, Teilzeit für Männer usw. ist das Echo medial peinlich, wenn sich ein Mann tatsächlich öffentlich zu seinem Wunsch auch für die Familie da zu sein bekennt. Ob es dabei das Negieren von gemachten Erfahrungen in Elternzeit ist, dasLustigmachen darüber, dass Väter ja eh nur zwei Monate in Elternzeit gehen, das Absprechen von jeglicher Mitsprache als Vater, weil ja die heroische Mutter den ganzen Dreck mache ohne zu murren (glatt gelogen, ich lade gerne mal zu Frauenrunden ein… auch wir jammern!) usw. und so fort.

Der neue Höhepunkt für mich ist hierbei nun der medial diskutierte Fall von Herrn Asmussen, der einen Arbeitgeberwechsel vollzog um nicht mehr zwischen Arbeit in Frankfurt und Familie in Berlin zu pendeln. So lautete seine Aussage, ganz grob.

So weit für mich nachvollziehbar. Wenn man seine Frau und Kinder nur am Wochenende sieht, dann wäre das auch für mich deutlich zu wenig Familie und zu viel Arbeit. -Und nur fürs Protokoll, auch ich arbeite Vollzeit.-

Dass das anscheinend aber so nicht stehen gelassen werden kann, finde ich doch ein trauriges Signal an die Männer. In meiner Lieblingszeitung F.A.S. gab es dazu ein Pro Und Kontra am vergangenen Sonntag. Und eben dieses Kontra hat mich unsagbar wütend gemacht.

Der stellvertretende Ressortleiter Wirtschaft, Georg Meck, schrieb diese Kontraposition. Und entgegen meiner Erwartungshaltung hat er nicht ein sachliches Argument nennen können, weswegen Herr Asmussen nicht eben seine Familie als Grund hernehmen kann.

Vielmehr versteigt sich Herr Meck darin, dass Herr Asmussen somit nicht mehr in der Lage sein wird in beruflich angespannten Situationen auch mal länger im Büro zu sein („Der Wähler darf vollen Einsatz erwarten. Eine Regierung hat das Land zu führen, auch wenn dafür eine Turnstunde mit den Kindern ausfällt.“), sondern unterstellt in herabwürdigender Art und Weise, dass der Vater dann ja die Kinder zur Turnstunde bringt. Er unterstellt ebenso, dass Herr Asmussen zu blöd ist zu wissen, dass ein Amt eines Staatssekretärs ebenso zeitaufwendig sei („Wenn Asmussen nun insinuiert, Regieren sei ein vergleichsweise lauer Job, ist das dreist: Der Mann verhöhnt demokratisch bestimmte Institutionen.“) und vergisst dabei die Tatsache, dass Herr Asmussen ebenso bei der EZB zuvor keine 30 Stunden Woche gehabt haben wird. Aber eben nun mit dem Unterschied, dass er nachts daheim schläft und auch mal unter der Woche die Chance hat seine Kinder zu sehen morgens oder abends. Oder, Gott bewahre, vielleicht sogar mal beides?

Unter uns Gebetsschwestern, Herr Meck, man kann wenn die Kinder im Bett sind auch noch am Rechner und sogar am Telefon arbeiten. Klappt super! Und befriedigt die Kollegen, die so heiß darauf sind das Spiel „wer schickt die letzte Email“ zu spielen nachhaltig.

Auch über die Frau von Herr Asmussen wird abwertend erwähnt, dass diese Karriere mache. Und dazu wird unterstellt, dass deren Karriere auch den Wunsch des neuen Lebensmittelpunktes Berlin beeinflusse. („Berlin ist ihm deshalb so wichtig, weil seine Frau, ehemals Lobbyistin der Deutschen Börse, heute das Hauptstadtbüro der PR-Agentur Hering Schuppener leitet; überaus zielstrebig, wie zu hören ist.“)

Herr Meck, und es gibt viele Mecks da draußen, weiß es also viel besser was unseren künftigen Staatssekretär antreibt. Er ist ein Opfer für die Karriere seiner Frau, wird uns Bürgern nicht zur Verfügung stehen bei kollabierenden Rentenkassen, weil er sich als „Familientier“ (noch so ein schön abwertendes Wort des Herrn Meck im Kommentar) um Frischkäseschnitten und Turnstunden kümmert.

Was würde ich als Mann für Schlüsse daraus ziehen? Aus Herrn Meck? Aus den Reaktionen? Aus dem Alltag anderer Väter in der Arbeit.

Würde ich mich stark machen? Würde ich glauben, dass auch ein Mann beides haben kann? Würde ich mich männlich fühlen bei solchen Reaktionen? Ernst genommen? Wertgeschätzt?

 

Wohl kaum.

 

Es ist noch ein langer Weg.

 

Und ich hoffe für meinen Sohn, dass in 30 Jahren es nur noch wenige Mecks da draußen gibt!

 

 

 

Endlichkeit

Wir waren von Anfang an Verbündete, Komplizen und haben gemeinsam gegen meine Mutter opponiert. Oder wie ich mal sagte „deine Frau“, als ich -noch im Kindergarten- mich auf Deiner Arbeit über sie beschwerte. Gar nicht mal, weil sie über alle Maße so schlimm gewesen wäre. Aber wir waren eine Einheit. Mein Platz war auf Deinem Schoß, meine kleinen Finger in Deine Adern auf dem Handrücken drückend und immer wieder staunen darüber, wie sie sich gleich wieder füllten wenn mein Fingerdruck verschwand. Ich war Deine Katze, wo in unserer Familie die Frauen doch sonst alle Ziegen waren, und es gab nicht viel, was Du mir nicht erlaubt, geglaubt oder ermöglicht hättest. 

Dein Geruch ist für mich mit Heimat verbunden. So holzig und warm. Wie Deine Füße immer warm waren und ich Dir meine kalten Kinderfüße unter die Decke geschoben habe um mich zu wärmen. Wenn Mama Nachtschichten hatte, habe ich lange noch neben Dir im Bett gelegen. Und wir hatten dieses Spiel, dass wir uns an den Händen hielten beim Einschlafen und Du mir am Morgen versichert hast, dass wir so die ganze Nacht gelegen hätten. Manchmal kann ich Deinen Geruch in meinen Kleidungsstücken wiederfinden. Wir sind aus dem gleichen Holz, denke ich dann.

Wir haben keine langen Gespräche geführt. Du bist einfach kein Mann der großen Worte. Und es reicht ein Blick von Dir, mit diesem schalkhaften Blitzen, um zu wissen was Du denkst.

Meinen ersten Kaffee hatte ich von Dir. Und so wie Du mir das Kaffee kochen beigebracht hast, so bringe ich es nun meinen Kindern bei. Ein Teil meiner Geduld als Mutter habe ich von Dir. Ebenso den Glauben, dass ich dazu fähig bin Dinge zu erreichen, die ich mir vornehme, hast Du mitgeprägt. Es gab nichts, was Du mir nicht zugetraut hättest, weil ich ein Mädchen bin. Und als ich mit meinem ersten Kind schwanger war, voller Zweifel über den Zeitpunkt, warst Du nur ein immerwährendes Strahlen, denn es sei an der Zeit gewesen, sagtest Du.

Diese Liebe zwischen uns, dieses Band, es ist immer noch da. Auch jetzt, wo Du alt geworden bist. Wo es Dir nicht gut geht und ich jeden Winter mich fürchte, dass Dich ein Infekt erwischt und Deinen Körper bezwingen könnte. Die Worte von Dir sind noch weniger geworden. Meist sitzt Du da und schaust auf das, was Du erreicht hast. Und ich spüre Zufriedenheit und Stolz in Deinem Blick. Und es tut mir weh, wenn ich sehe, wie die Zeit Dich mir langsam wegnehmen will.

Wir sind immer noch Verbündete. Aus dem gleichen Holz. Und ich weiß nicht wieviele Winter noch vor uns liegen. Bei jedem Besuch pflastere ich die Straßen mit Tränen, wenn ich wieder heimfahre. Jeder Abschied ein wenig für immer. Unsicher in welchem Zustand wir uns wiedersehen werden.

Doch eines muss ich Dir sagen. Immer wieder. Egal wie sehr Du es bereits weißt.

Auch ich bin unendlich stolz auf Dich Papa! Und Du bist für mich immer noch die Liebe meines Lebens. Selbst jetzt, wo Du Dir diesen Platz teilst.

Ich hoffe auf viele Winter.

 

Willkommen Mr. Pink!

Es gibt da diese eine Szene im Film „Reservoir Dogs“ von Tarantino, wo sich einer der Verbrecherbande beschwert, dass er bei der Farbvergabe als Codename ausgerechnet „Mr. Pink“ geworden ist. Der Mann in Pink zu sein ist offensichtlich für ihn eine Unmöglichkeit. Und dieses Klischee von einem „echten Kerl“ hat damit mehr mit einer Menge von Müttern gemeinsam, als Tarantino damals beim Dreh geahnt haben kann.

Denn je mehr ich mich in Mütterforen, Müttergruppen und auf Mütterblogs rumtreibe, desto häufiger werde ich mit dem Thema „Gender“ konfrontiert. Und im Gegensatz zur Bezeichnung ist „Gender“ alles andere als geschlechtsbezogen. Unter diesem Schlagwort läuft so ziemlich alles, was irgendwie feministisch oder ungenderig klingen kann. Eine große Sache ist zum Beispiel die Bewegung PinkStinks, die ankämpft gegen „Produkte, Werbeinhalte und Marketingstrategien, die Mädchen eine limitierende Geschlechterrolle zuweisen“.

Die Quintessenz ist, dass man wohl tunlichst vermeiden soll, was das Kind irgendwie in eine Geschlechtsrolle drängen könnte. Somit sind nicht nur alle meine Lieblinge aus der Kindheit pfuibah -denn weder Barbie, noch LadyLockenlicht (was die noch lieblichere Variante einer Lillifee war) oder Regina Regenbogen (eine Art Lillifee auf LSD mit sprechendem Regenbogenpferd) hätten wohl jemals die gendergeschulten Augen überzeugt… – auch mein kompletter kindlicher Kleidungsstil (rosa, pink, Schleifchen, Herzchen, Glitzer, MEHR!!!) wäre glatt durchgefallen. Warum? Weil es mich ja quasi vorab zu einem Weibchen gemacht hätte, unfähig emanzipiert die Frauenrolle für mich neu zu interpretieren oder gar auszuleben. Ich hätte mich in ein Abziehbild dieser Puppenwelt verwandeln müssen. Hätte vermutlich mich von einem Mann retten lassen müssen, der mir für meinen Platz in der Küche zumindest einen Küchenblock mit eingebauter Mikrowelle schenkt. Niemals hätte ich auch andere Seiten entdecken können. Ich hätte ganz sicher dank meiner Vorbilder eine Essstörung bekommen, hätte mich auf meinen Attraktivitätsgrad reduziert, lediglich Frauenromane und Pilcherfilme konsumiert und all meine Talente Mattel & Co. geopfert.

Hätte? Habe ich nicht. Was ist passiert, dass ich dennoch meine Zündverteilerkabel lieber selber austausche und Waschmaschinen anschließe? Hatte ich eine heimliche Matchboxautossammlung auf dem Dachboden?

Nein!

Ich hatte reale Vorbilder. Tatsächlich hatte ich Eltern, die mir andere Optionen vorgelebt haben. Ich hatte eine Mutter die nie geschminkt war und viel gearbeitet hat. Ich hatte viele starke Frauen in meiner Familie. Ich hatte Männer in meiner Familie, die mir nicht Dinge NICHT zugetraut haben, nur weil ich ein Mädchen war. Ich hatte reale Vorbilder in meinem Umfeld. Frauen die sich ausschließlich der Familie hingaben allerdings recht wenige. Weswegen es für mich auch lange bevor ich Mutter wurde unvorstellbar war lange daheim zu sein. Wegen Barbie? Nein! Weil ich es einfach nicht kenne, dieses Modell. Es ist mir fremd. Und es zieht mich nicht an. Wenngleich ich es ebensowenig verurteile.

Und wenn ich suche nach Evidenz, dass rosa Kleidung oder stereotypes Spielzeug das spätere Rollenverständnis von Menschen beeinflusst, dann werde ich bislang nirgends fündig. Keine Paper, vor allem auch keine Studien, nichts!  So gerne wir monokausal denken, so wenig monokausal verhalten sich Menschen. Man kann eher weißsagen was für eine Mutter ein Mensch früher hatte, als dass man raten kann mit welchem Spielzeug er gespielt hat. Zumindest geht es mir so in meinem Bekanntenkreis. Denn es sind nicht die Plastikpuppen, an denen sich unsere Kinder orientieren. Es sind nicht die Soldaten, die StarWarsKarten oder die BobDerBaumeisters dieser Welt. Es sind am Ende des Tages doch die realen Menschen, die uns zeigen was es heißen kann ein Mann oder eine Frau oder irgendwie auch beides zu sein.

Als mein erstes Kind, meine Tochter, klein war, hatte ich übrigens auch eine ausgeprägte Rosaallergie. Ich schiebe es auf exzessiven Konsum in der Kindheit. (Ähnlich wie Tequila, wobei ich den nicht in der Kindheit konsumiert habe…) Inzwischen hat mich meine Tochter desensibilisiert. Zumindest was rosa betrifft und was sie jedem stolz erzählt. Tequila konsumiert sie (noch) nicht. Und mein Sohn spielt am liebsten mit ihr Prinzessin. Wobei er die Prinzessin ist und sie der Ritter. Klar! Die rosa Phase ist bei ihr nämlich pünktlich zu meiner Desensibilisierung mit der Einschulung vorbei gewesen. Ganz ohne Gender.

Ein Wunder!

Wie wahr hätten Sie es denn gerne, Frau Helena?

Die Welt ist leider bunt. Was sehr traurig ist. Denn in schwarz-weiß schaut sie sehr viel schöner aus. Vor allem wenn man sie mit harten Kontrasten belichtet, die Welt. Dann verschwimmen die Graustufen und es bleibt nur noch ein schwarz und ein weiß übrig. Das sieht auf Bildern furchtbar schick aus. Und tiefgründig zugleich. Aber so ist sie nicht, die Welt.

Und so schwarz und weiß, gut und böse ist auch das Leben nicht. Zwischendrin  -in den Graustufen- liegt sie, die Wahrheit. Sie ist ein „sowohl als auch“, ein wenig dies und das. Flüchtig ist sie, verändert sich je nach Brille, die man aufsetzt und manchmal scheint sie einem durch die Finger zu rinnen, bevor man sie recht greifen kann. So klar die Einteilung zwischen wahr und unwahr in meiner Jugend war, so verschwommen wurde sie, je mehr ich lernte und wusste und erlebte.

Nun hat die Bloggerin Tina eine Wahrheitskugel in das Internet geworfen. Ausgerechnet dort. In einen Raum, in dem man 20kg Bauchfett in drei Wochen verlieren können soll. Wo man sich im Wald der subjektiven Wahrheiten verlieren kann, in Diskussionen und Deutungen darum, was wahr ist oder was richtig ist. Richtig ist dabei quasi der siamesische Zwilling von Wahr.

Wo würde ich gerne die Wahrheit wissen? Die reine Wahrheit? Nichts als die Wahrheit! Tagelang grübelte ich darüber nach. Während meiner Pendelfahrten zwischen Kita, Schule und Arbeit hing ich meinen Gedanken nach. Fragte mich wo ich überall Unwahrheiten von mir gebe, wo mir vermutlich Unwahrheiten begegnen, wo sie mich stören, wo sie mich verfolgen und kam dort an, wo mir klar war, dass ich mit den Unwahrheiten in dieser Welt im Reinen bin. Sie sind mir lieb geworden, so wie mir mein „sehr gerne“ auf ein „Danke“ lieb geworden ist. Ich bin gerne nett, wenn es für mich geht. Nett sein kollidiert jedoch mit der Wahrheit an jeder Ecke.

Bevor ich die Kugel aber ungenutzt weiterziehen lasse möchte ich einen Blick hineinwerfen. Ich will sie fragen wie das wirklich war in dem Krieg in Jugoslawien. Will die wahren Gründe wissen, weshalb Menschen von Freunden zu Feinden werden können. Wie aus Nachbarn Mörder und Ermordete werden konnten. Wieso Menschen sich Massaker antun? Was geschehen muss, damit aus einem kleinen Kind eines Tages ein Despot werden kann. Doch ich befürchte, dass mir die Kugel dabei zwischen den Händen zerplatzen wird. Denn manchmal, manchmal ist die Wahrheit viel schlimmer als die größten Lügen…

Verloren in diesen Wahrheitsfindungen fragte ich heute meine Tochter was sie denn wissen wollen würde, wenn sie über etwas die Wahrheit erfahren könnte. Es herrschte kurz Stille, bevor sie sagte „Ob es den Nikolaus wirklich gibt“.

Vielleicht bin ich ja dann doch dank dieser Blogparade bald um eine Lüge ärmer…