Sie sind eine schlimme Mutter, Frau Helena!

„Eltern sind Schicksal“ ist mein allerliebstes Zitat. Es stammt von unserem Kinderarzt und wurde mir bei einer Untersuchung als gratis Lebensweisheit zum üblichen Plaudern zwischen ihm und mir mitgegeben. Meine Tochter war fast fünf und befand sich noch in der Blase der heilen Kindergartenzeit, wo alles ein wenig netter und kuscheliger ist. Wo Erzieherinnen noch nach pädagogischen Konzepten arbeiten und meine schlimmste Sorge war, dass mein Kind einen Löffel mehr essen musste als es wollte mittags.

Eltern sind Schicksal hatte ich auch an der Universität gelernt, als es um Bildungsökonomie geht. Denn so sehr man sich um Chancengleichheit bemüht, den Einfluss der Eltern kann man auch im fairsten Bildungssystem nicht vollständig nivellieren.

Wie sehr und wie ich das Schicksal meiner Tochter bin habe ich dabei nicht bedacht. Vielmehr war ich voller mütterlicher Überzeugung, dass unser Schicksal doch ein gutes sei. Eines, dass mein Kind auf das Leben vorbereitet.  Durch die Wahl an wirklich inspirierender Lektüre von Anfang an. Durch selbst gestaltete Experimente in der Küche, die erste chemische Reaktionen bestaunen ließen. Durch Besuche in Museen, in anderen Ländern, durch das Singen aller klassischen Kinderlieder und zu Beginn natürlich auch durch gutes Spielzeug und schöne Kleidung. Das mit dem guten Spielzeug musste ich als erstes aufgeben. Die hochwertigen Holzbausteine haben meine Tochter nicht halb so begeistert, wie das elektrische Telefon ihrer Krippenfreundin. Die schöne Kleidung war ohne Hello Kitty, die sich klammheilich in unser Leben schlich wie eine Kakerlake, und Prinzessin Lillifee nicht tragenswert und am schwersten war das Jahr in dem meine Tochter sich mit Händen und Füßen dagegen wehrte eine Hose zu tragen.

Und wie das mit den Kakerlaken so ist, wenn man eine sieht, sind da bereits hunderte!!!

Aber ich ließ mich nicht von kleinen Rückschlägen beirren. Mein Kind wurde größer und teilte die elterliche Liebe zum Buch ebenso, wie das Argumentieren, Fantasieren und Philosophieren. Sie wird es einmal leicht haben, dachte ich. Sie ist jetzt schon so schlau und gebildet, lobte ich mich. Und sie ist sehr höflich, lobten die Erzieher.

Und dann kam die Schule…

Was ich nicht berücksichtigt habe für mein Kind war, dass zwischen es leicht im erwachsenen Leben haben und heute die Kindheit liegt und die Jugend. Und was mir bei den Kitty Kakerlaken hätte dämmern müssen, wäre gewesen, dass Kinder nicht anders sein wollen. Sie wollen vielleicht besonders sein für die Eltern. Aber in der Schule, vor allem in den ersten Jahren, ist besonders sein kein Zustand, der auch nur irgendetwas erleichtern kann. So kann meine Tochter zwar nun brilliant argumentieren, messerscharf analysieren und dies auch wunderbar äußern. Problematisch ist jedoch, wenn das Gegenüber ein anderes Kind ist, dass sich nicht in einen Logikdisput einlassen will. Denn da wo Worte fehlen, da folgen nun oft die Fäuste. Sechsjährige scheinen der Schönheit der Gedanken einfach nicht die gleiche Wertschätzung entgegenzubringen wie liebende Eltern. Und mein Kind hat von mir einfach nicht gelernt, dass man im Zweifel, wenn einem selbst Erwachsene nicht helfen -denn in der Mittagsbetreuung gibt es manches, aber keine Pädagogen- dann doch auch mal zurückpfeffern kann. Sie versteht nicht, weshalb ihre Mitschüler fantastische Geschichten jenseits jeglicher Vorstellungskraft erzählen, nur um gemocht zu werden und ein wenig bewundert. Und das Freundschaften zwischen Mädchen innerhalb genauso kurzer Zeit aufgekündigt und ins Gegenteil verkehrt werden können wie sie entstehen, verletzt sie so sehr, dass wir ganze Abende im Bett darüber sprechen.

Sie wird es einmal leicht haben. Im erwachsenen Leben. Nicht, weil ich eine schlimme Mutter bin, die ihr Kind fern hält von den zwischenmenschlichen Spielchen um Gruppenzugehörigkeit. Sondern, weil sie nun von ihren Mitschülern Nachhilfe bekommt im taktieren um den Platz in einer Gruppe.

Und für ihren kleinen Bruder lerne ich diese Lektion gleich mit.

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4 Kommentare zu “Sie sind eine schlimme Mutter, Frau Helena!

  1. Unsere Kakerlaken heißen Angry Birds.
    Und dass Schule einfach ist, hat noch keiner behauptet. Dass es aber so heftig kommt, hab ich auch nicht erwartet.
    Eine ähnliche Geschichte – und trotzdem anders: http://muttis.wordpress.com/2013/06/23/hilfe-mein-kind-macht-probleme-in-der-schule-von-beratungslehrern-und-schulpsychologen/
    Halte die Ohren steif!
    Und willkommen in der „Blogosphäre“!
    Muttis Nähkästchen

    P.S.: Gute Mütter kommen in den Himmel, schlimme überall hin, nicht wahr? 🙂

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