Die Sache mit Lisa

Es war vor drei Jahren im Sommerurlaub, als wir die erste Lisa trafen. Wir waren damals noch eine Einkindfamilie, das Einkind war drei Jahre alt und wir zum zweiten Mal in der Mitte der Pyrenäen im Urlaub; in einem kleinen Dorf mit 30 Einwohnern kurz vor der spanischen Grenze. Im nächstgrößeren Ort feierten sie das „Fête des fleurs“, was eine Parade von Blumengeschmückten Festwagen mit Musikkapellen und verschiedenen Vereinen des Ortes ist.

Auf diesem Fest gab es auch Verkäufer für Gasluftballons und unsere Tochter bekam ein pinkes, fliegendes Einhorn, dass sie -wie damals alles was sie bekam- „Lisa“ nannte. Es war ein schöner, warmer Sommertag. Und unser Kind war lebendig gewordener Stolz, so wie sie mit ihrer Lisa durch die Gassen ging und das Einhorn dem ein oder anderen Erwachsenen dabei durchs Gesicht zog. Wir aßen nach der Parade noch eine mäßige Pizza, bestaunten die Blumen, die unser Kind gefangen hatte und fuhren in das Dorf zurück zu unserem Ferienhaus. Es muss noch im Auto ein Satz wie „Und pass gut auf Deine Lisa auf“ gefallen sein. Kurz danach hätten wir ein „Wir haben Dir ja gesagt…“ hinterherschieben können. Denn an der Eingangstür zum Haus flog Lisa dann davon. Die zuvor stolze Besitzerin war schockgelähmt, ich sprintete noch in den ersten Stock und versuchte Lisa an der Schnur zu erwischen, aber es war alles zu spät. Ganz langsam glitt ein immer kleiner werdender rosaner Punkt über die nächsten Gipfel hoch hinweg Richtung Spanien. Und zwischen uns dreien herrschte betretendes Schweigen.

Das Gute an der Globalisierung ist, dass wir zwei Jahre darauf im Rheinland eine zweite Lisa kaufen konnten. Das identische pinkfarbene, beflügelte Einhorn. Ich war mit meinen beiden Kindern zu Besuch bei meinen Eltern. Und zeitgleich fand eine Kirmes statt, die ich meiner Tochter als „kleines Oktoberfest“ beschreiben musste, damit sie verstand was eine Kirmes ist. Mein Sohn war da nicht mal ein Jahr alt und nach zwei Tagen bei den Großeltern fuhr ich mit den beiden Kindern im Auto wieder nach Hause. Da wir im Münchner Umland leben, habe ich den Weg über die schwäbische Alb gewählt. Und vermutlich auch weil meine Physikkenntnisse sozusagen nicht existent sind. Während der Autofahrt schlief das Baby recht friedlich und wir kamen zeitlich prima vorwärts.

Bis wir über die schwäbische Alb fuhren und es plötzlich laut knallte im Auto. Ich krallte mich in das Lenkrad fest, versuchte mich darauf zu konzentrieren nicht das Lenkrad zu verreißen und etwas langsamer zu fahren, damit ich feststellen konnte ob ein Reifen geplatzt sei. Das Auto fuhr sich ganz normal weiter und ich blickte mich beim Fahren vorsichtig im Wagen um. Neben meinem schlafenden Baby lag die zerplatzte Lisa. Je höher wir kamen, desto mehr hatte sich das Gas in ihr ausgedehnt, bis es sie zerriss. Meine Tochter war so schockiert, dass sie nicht mal richtig traurig sein konnte. Und ich war froh, dass ich keinen Unfall gebaut hatte und uns nichts passiert war.

Inzwischen haben wir vom vergangenen Oktoberfest die vierte Lisa bei uns. Sie hängt nur noch recht schlaff über dem Boden, während ich hier tippe. Sie wird hoffentlich genau wie ihre letzte Vorgängerin eines natürlichen Luftballontodes sterben.

Aber wer weiß schon was die fünfte Lisa für ein Ende nimmt?

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2 Kommentare zu “Die Sache mit Lisa

  1. Arme Einhörner 😦
    Die Druckunterschiede sind schon heftig, ich hab mal gedankenverloren in 5000 ft. aus einer Plastikflasche getrunken – und nach der Landung war sie nur noch halb so groß. Das Luftballons davon allerdings zerlegt werden, hätte ich nicht gedacht.

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