Von Pfeifen und Hupen

Man kann sich alles schön reden. Ich bin da ganz vorne mit dabei. Meine Pendelzeiten zur Arbeit täglich sind meine zwei Stunden Ruhe am Tag nur für mich. Wobei Ruhe ein klarer Euphemismus ist, denn ich pendel nach München rein und kenne keine deutsche Stadt in der so schnell und so ausgiebig gehupt wird. Gut, das klingt jetzt bereister als ich es bin. Von den 10 Städten und Städtchen, die ich kenne, ist München bei der Huperei ganz vorne. Aber, verkappter Optimist der ich bin, rede ich mir auch das schön. Hupende Mitfahrende auf den Straßen geben mir täglich eine Gratisschulung in Stressresistenz und Frustrationstoleranz.

Besonders dankbar bin ich hier der Dame fortgeschrittenen Alters, die beim Einfädeln an einer Baustelle (von fünf Spuren auf eine) mich nicht reinlassen wollte. Und das nicht, weil sie schon so viele reingelassen hatte. Sie hatte sich einfach dem Spiel „Einer von rechts und einer von links“ entzogen und klebte an ihrem Vordermann. Ich war zu diesem Zeitpunkt nicht so ganz in mir ruhend, kurbelte das Fenster runter und rief ihr rüber, dass hier das Reisverschlussverfahren anzuwenden sei und sie mich reinlassen müsse. Ja, manchmal muss ich so schlaue Dinge meinen Mitmenschen mitteilen. Und darauf sagte diese Dame den Satz, den ich fassunglos noch den halben Tag im Büro vor mich hinmurmelte.

„Hinter mir ist auch noch Platz“ sagte sie, kurbelte ihr Fenster hoch und fuhr weiter.

Die nächsten Minuten, die ich dann hinter ihr stand, hatte ich Szenen aus „Falling down“ im Kopf und fing an mir das Drehbuch für eine weibliche Version zu überlegen. In der Hauptrolle: ich. Und gedreht werden sollte gleich vor Ort. Ich war bereit für die erste Probe!

Mir kam dabei auch zugute, dass ich ja bereits über mannigfache Schauspielerfahrungen verfügte. War ich doch schon im Kindergarten der Sterntaler und später im Gymnasium in einer Nebenrolle als (darf man das so sagen?) schwuler Schauspiellehrer erprobt. Die zahlreichen Dramen, die ich privat in der Pubertät mitgespielt habe, mal ganz außen vor gelassen.

Allerdings kam es dann doch zum weiteren Zähfließen des Verkehrs, bevor ich mit meiner Version von „Falling Down“ beginnen konnte und ich bin völlig unspektakulär durchs hupende München weiter ins Büro gefahren. Das Drehbuch liegt jedoch immer noch fest abgespeichert auf meiner geistigen Festplatte. Und sollte sich eines Tages alles wieder so schön zusammenfügen, könnt Ihr vielleicht eine wild gewordene Mitdreißigerin auf  einer Porsche Cayenne Motorhaube rumspringen sehen, während sie Obszönitäten in die Welt schreit.

Das kann ich mir dann auch prima schönreden. Ist bestimmt ein gutes Training. Für was weiß ich nur noch nicht…

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8 Kommentare zu “Von Pfeifen und Hupen

  1. Gefällt mir, da rege ich mich gleich mit auf, macht ja auch zusammen mehr Spaß… Ich frage mich, ob unsere Töchter sich kennen, denn der Beitrag über die ewige Lisa hätte auch von hier kommen können- inklusive entflogenem Einhorn!

    • Liebe Frau Boecker,
      ja, aufregen macht gemeinsam definitiv mehr Spaß. Da kann man sich hervorragend gegenseitig die Endorphine hochschaukeln. Bloß das mit dem in sich ruhen wird dadurch wieder ein bissl nach hinten geschoben.

      Unsere Töchter kennen sich sicherlich! Meine Tochter scheint mehr Bekanntschaften zu haben als mein Mann und ich zusammen. Manchmal frage ich mich was sie den ganzen Tag so treibt. Wo auch immer wir einkaufen gehen trifft sie auf ihr bekannte Kinder, die ich im Leben noch nicht gesehen habe…

      Einen lieben Gruß,
      Helena

  2. Da bin ich immer wieder froh, dass ich nicht nach München hinein pendeln muss, sondern draußen bleibe 😉 Allein schon wegen dem ganzen Verkehrschaos etc. würde ich nie nach München ziehen wollen. In Freising ist die Rushhour zwar auch nicht grade klein, aber da kommt man doch weitaus besser durch… denke ich 🙂

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