Die Deutschen

Früher, als man noch Gastarbeiter und Ausländer sagte, fühlte ich mich immer etwas exotisch unter deutschen Kindern. In der Straße, in der ich aufwuchs, stellten die deutschen Familien knapp mehr als die Hälfte der Kinder. Der Rest waren Inder, Griechen, Italiener und ich, damals noch Jugoslawin.

Da wir aus jeder Nationalität nur wenige „Exemplare“ hatten, stellten sich bei mir schnell Vorurteile ein. So war ich zum Beispiel entsetzt darüber, dass das Christkind bei deutschen Kindern den Tannenbaum schmückte und auch noch klingelte um die Geschenke anzukündigen, wohingegen bei uns das Schmücken zumindest meine Mutter übernehmen musste. Das war für mich schon eine himmelschreiende (!) Ungerechtigkeit. Aber der liebe Gott, an den ich so fest glaubte, schien da eine Form der ausgleichenden Gerechtigkeit für gefunden zu haben. Denn anscheinend hatten ja alle deutschen Kinder Heuschnupfen, Allergien und waren oft krank. Deswegen mussten sie dann auch immer so einen Saft nehmen, damit sie Vitamine bekamen. Meiner Mutter habe ich dann so lange in den Ohren gelegen, bis ich so eine Paste aus einer blauen Tube von der Apotheke bekam, auf der eine Orange abgebildet war. Wer konnte schon sagen ob das Deutschsein nicht ansteckend war?

Eine weitere sehr deutsche Sache waren für mich Eltern, die mit ihren Kindern sonntags Spaziergänge machten. Das kannte ich von ausländischen Eltern nicht. Deutsche Kinder durften sich dann sonntags nicht mit anderen Kindern verabreden, weil das der Familientag war. Sie fuhren auch hauptsächlich im eigenen Land in Urlaub und Campen schien etwas ganz grandioses zu sein.

Ich war mit meiner Schublade aber noch bei weitem nicht fertig. Deutsche Mütter konnten nicht selber kochen. Die mussten Miracoli nehmen, oder fertigen Kartoffelbrei. Auch der Sinn von geschälten Kartoffeln im Glas war mir völlig unklar (und ist es bis heute). Dafür wurde dort kein Knoblauch zum Kochen verwendet. Es schmeckte immer ein wenig seltsam, fand ich.

Und was mir immer auffiel: es gab anscheinend keine deutsche Familie, wo es so laut war wie bei uns, wo so viele Verwandte zu Besuch kamen und diese so viel gedrückt und geknutscht haben, vorzugsweise uns Kinder.

Leider kann ich nicht mehr genau sagen wann das aufhörte mit den Vorurteilen. Als mir, zu Unizeiten, eine Kommilitonin versicherte, dass ich die Deutscheste von uns allen sei, dämmerte es mir. Diese Frage nach typischem Verhalten einer Nationalität lässt sich einfach sehr schwer greifen. Es ist das, was fremd scheint, was einen abstoßen kann oder eben im wahrsten Sinne des Wortes befremden. Und es scheint nur allzu menschlich zu sein, wenn man Verhalten einer kleinen Stichprobe gleich auf die gesamte Bevölkerung überträgt. Eine meiner besten Freundinnen sagte in Kindertagen zu mir mal, dass sie ja keine Ausländer möge. Aber mich schon, denn ich sei eine Ausnahme. Immerhin. Dachte ich. Und war tödlich beleidigt, obwohl ich in ebensolchen Stereotypen dachte.

Inzwischen sind meine Schubladen andere geworden. Ich hoffe sie sind ein wenig differenzierter. Und sonntags müssen meine Kinder natürlich auch mit uns einen Spaziergang machen. Zumindest manchmal.

Das schulde ich einfach meiner deutschen Sozialisation…

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2 Kommentare zu “Die Deutschen

  1. Ich kenne die blauTube mit der Orange und weiss noch genau, wie das geschmeckt hat! Es hat so ein bisschen bebizzelt im Mund, oder? Wieso hat meine Mutter die gekauft? Muss ich sie mal fragen…

    Viele Grüsse, Christine

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