Willkommen Mr. Pink!

Es gibt da diese eine Szene im Film „Reservoir Dogs“ von Tarantino, wo sich einer der Verbrecherbande beschwert, dass er bei der Farbvergabe als Codename ausgerechnet „Mr. Pink“ geworden ist. Der Mann in Pink zu sein ist offensichtlich für ihn eine Unmöglichkeit. Und dieses Klischee von einem „echten Kerl“ hat damit mehr mit einer Menge von Müttern gemeinsam, als Tarantino damals beim Dreh geahnt haben kann.

Denn je mehr ich mich in Mütterforen, Müttergruppen und auf Mütterblogs rumtreibe, desto häufiger werde ich mit dem Thema „Gender“ konfrontiert. Und im Gegensatz zur Bezeichnung ist „Gender“ alles andere als geschlechtsbezogen. Unter diesem Schlagwort läuft so ziemlich alles, was irgendwie feministisch oder ungenderig klingen kann. Eine große Sache ist zum Beispiel die Bewegung PinkStinks, die ankämpft gegen „Produkte, Werbeinhalte und Marketingstrategien, die Mädchen eine limitierende Geschlechterrolle zuweisen“.

Die Quintessenz ist, dass man wohl tunlichst vermeiden soll, was das Kind irgendwie in eine Geschlechtsrolle drängen könnte. Somit sind nicht nur alle meine Lieblinge aus der Kindheit pfuibah -denn weder Barbie, noch LadyLockenlicht (was die noch lieblichere Variante einer Lillifee war) oder Regina Regenbogen (eine Art Lillifee auf LSD mit sprechendem Regenbogenpferd) hätten wohl jemals die gendergeschulten Augen überzeugt… – auch mein kompletter kindlicher Kleidungsstil (rosa, pink, Schleifchen, Herzchen, Glitzer, MEHR!!!) wäre glatt durchgefallen. Warum? Weil es mich ja quasi vorab zu einem Weibchen gemacht hätte, unfähig emanzipiert die Frauenrolle für mich neu zu interpretieren oder gar auszuleben. Ich hätte mich in ein Abziehbild dieser Puppenwelt verwandeln müssen. Hätte vermutlich mich von einem Mann retten lassen müssen, der mir für meinen Platz in der Küche zumindest einen Küchenblock mit eingebauter Mikrowelle schenkt. Niemals hätte ich auch andere Seiten entdecken können. Ich hätte ganz sicher dank meiner Vorbilder eine Essstörung bekommen, hätte mich auf meinen Attraktivitätsgrad reduziert, lediglich Frauenromane und Pilcherfilme konsumiert und all meine Talente Mattel & Co. geopfert.

Hätte? Habe ich nicht. Was ist passiert, dass ich dennoch meine Zündverteilerkabel lieber selber austausche und Waschmaschinen anschließe? Hatte ich eine heimliche Matchboxautossammlung auf dem Dachboden?

Nein!

Ich hatte reale Vorbilder. Tatsächlich hatte ich Eltern, die mir andere Optionen vorgelebt haben. Ich hatte eine Mutter die nie geschminkt war und viel gearbeitet hat. Ich hatte viele starke Frauen in meiner Familie. Ich hatte Männer in meiner Familie, die mir nicht Dinge NICHT zugetraut haben, nur weil ich ein Mädchen war. Ich hatte reale Vorbilder in meinem Umfeld. Frauen die sich ausschließlich der Familie hingaben allerdings recht wenige. Weswegen es für mich auch lange bevor ich Mutter wurde unvorstellbar war lange daheim zu sein. Wegen Barbie? Nein! Weil ich es einfach nicht kenne, dieses Modell. Es ist mir fremd. Und es zieht mich nicht an. Wenngleich ich es ebensowenig verurteile.

Und wenn ich suche nach Evidenz, dass rosa Kleidung oder stereotypes Spielzeug das spätere Rollenverständnis von Menschen beeinflusst, dann werde ich bislang nirgends fündig. Keine Paper, vor allem auch keine Studien, nichts!  So gerne wir monokausal denken, so wenig monokausal verhalten sich Menschen. Man kann eher weißsagen was für eine Mutter ein Mensch früher hatte, als dass man raten kann mit welchem Spielzeug er gespielt hat. Zumindest geht es mir so in meinem Bekanntenkreis. Denn es sind nicht die Plastikpuppen, an denen sich unsere Kinder orientieren. Es sind nicht die Soldaten, die StarWarsKarten oder die BobDerBaumeisters dieser Welt. Es sind am Ende des Tages doch die realen Menschen, die uns zeigen was es heißen kann ein Mann oder eine Frau oder irgendwie auch beides zu sein.

Als mein erstes Kind, meine Tochter, klein war, hatte ich übrigens auch eine ausgeprägte Rosaallergie. Ich schiebe es auf exzessiven Konsum in der Kindheit. (Ähnlich wie Tequila, wobei ich den nicht in der Kindheit konsumiert habe…) Inzwischen hat mich meine Tochter desensibilisiert. Zumindest was rosa betrifft und was sie jedem stolz erzählt. Tequila konsumiert sie (noch) nicht. Und mein Sohn spielt am liebsten mit ihr Prinzessin. Wobei er die Prinzessin ist und sie der Ritter. Klar! Die rosa Phase ist bei ihr nämlich pünktlich zu meiner Desensibilisierung mit der Einschulung vorbei gewesen. Ganz ohne Gender.

Ein Wunder!

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13 Kommentare zu “Willkommen Mr. Pink!

  1. Hihi, darüber könnten wir uns jetzt ganz lange zoffen.
    Aber nur zwei Punkte:
    Erstens gibt es ganz viele evidenzbasierte Studien, die Zusammenhänge zwischen genderstereotypen Spielsachen / Spielen und späteren Rollenbildern aufzeigen. Das wurde nicht erfunden. Berufswahl ist beispielsweise ein grosses Thema und auf die hat das hier:

    versus das hier:

    durchaus einen starken Einfluss. Natürlich ist das nur einer unter anderen Faktoren, aber er ist wichtig.
    Zweitens: Sieht auch Pinkstinks es nicht als Problem an, wenn sich Mädchen freiwillig rosa kleiden. Zum Problem wird es erst dann, wenn sie gar keine andere Wahl mehr haben. Und es geht ja gar nicht nur um Mädchen, sondern um alle unsere Kinder. Rosa ist für alle da. Alle Farben sind für alle da. Im Umkehrschluss ist es nämlich so, dass wenn Pink für Mädchen ist, Buben kein Pink benutzen dürfen. Das schränkt ein. Nicht Pink ist das Problem, sondern der damit einhergehende Zwang und die damit einhergehende Einschränkung und Uniformisierung.
    Hast Du gewusst, dass Buben in einem gewissen Alter genau so gerne Pink haben wie Mädchen? Hat mit der Nervenentwicklung im Auge zu tun. Wenn man Krabbelkinder in einem Spielzeugladen „aussetzt“, düsen sie alle auf die pinken Sachen los. Bei Mädchen wird das dann positiv bestärkt, bei Buben heisst es „ach nö…“ und schon fängt es an an 😉
    (es ist übrigens erst seit kurzem so, dass Rosatöne für Mädchen und Blautöne für Jungs sind, das ist rein kulturell – schau mal die christliche Ikonographie an, da ist Blau immer die Farbe der Jungfrau Maria! Nix mit Rosa!)

  2. Interessante Diskussion. Ich hatte ja bis zur Geburt meiner Tochter auch eine radikale Rosa-Allergie. Ich bin auch nie wirklich der Püppchen-Typ gewesen. Das aber rein schon aufgrund meiner nicht wirklich zierlichen Figur (breite Schultern und späte Entwicklung sei Dank). Seit Sie selbst entscheidet hängt aber doch bevorzugt lila, pink und rosa im Schrank. Unser Kleiner ist in jeder Hinsicht eindeutig Junge. Er spielt mit Autos und schmeißt den Kinderwagen der Großen um um an den Rändern zu spielen :). Ganz unbeabsichtigt (wahrscheinlich, weil es eben seit jeher so ist) fördert man diese männlichen Attribute.

    Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich von dieser Geschlechter-Diskussion halten soll. Ich fande die frühere Rollenverteilung nie wirklich verkehrt. Wichtig ist doch eher, dass Frauen die sich in einer solchen nicht wohl fühlen, die Wahl haben auszubrechen. Das ist nach wie vor schwer. Aber ob da tatsächlich das Spielzeug und die Farbwahl in der Kindheit etwas verändern können? Männern und Frauen werden wohl einfach immer bestimmte Stärken zugeordnet werden. Die einen mehr die anderen weniger gerechtfertigt.

    Revolutionäre haben es leider immer ein wenig schwer. Deshalb werde auch ich meinen Sohnemann wohl nicht unbedingt in Kleidern oder pink und rosa zur Schule schicken.

    Echt schwierig eine eindeutige Stellung einzunehmen in diesem Kampf um Geschlechter…

  3. Ich möchte Dir widersprechen: Es geht nicht um die Farbe an sich, die ist ja nur konnotiert. Vor – keine Ahnung 1 oder 2 Jahrhuunderten war roa die Farbe der kleinen Prinzen, die später rot, die Königsfarbe tragen würde. Aber egal. Worum es geht ist, dass die farben genderkonnotiert sind und somit die Mädels und Jungs in Mädels- und Jungsecken gedrängt werden.
    „iiih“ rosa Socken ziehe ich nicht an, das ist eine Mädchenfarbe!“ oder „ein Junge spielt nicht mit Puppen“ sind genau die Ecken, aus der keine Geschlechterfreiheit (im Erwachsenenalter) werden kann.
    Das widerspricht übrigens nicht auch meiner Vorstellung, dass Mädchen sowie Jungen durchaus eine typische Mädchen typische Jungsphase durchleben dürfen. Ich war auch so. Aber eben immer mit Blick über den Tellerrand, mit Gesprächen, Aufmerksamkeit für das nicht stereotype, etc. Das halte ich auch für meine Kinder für wichtig.
    Liebe Grüße! 🙂

  4. Pingback: Mädchen können nicht rechnen und Piratenbücher sind nur was für Jungs | WerdenundSein

  5. Und, was noch viel spannender ist: Frauen, die pink und Glitzersteinchen tragen, können sogar geradeaus zählen! Prima Artikel, danke!!!!! Das Problem ist doch immer nur das einer Unausgewogenheit und Einseitigkeit. Solange man den Kleinen zeigt, dass es auch Alternativen gibt und „anderes“, ist doch alles jut. Im Zweifel beides: Barbiepuppen spielen UND mit Pfeil und Bogen schießen.

    • Ja! Bzw. die Verantwortung für das, was Kindern mitgegeben wird fängt weder bei der Industrie an, noch hört sie dort auf. Daher halte ich den Ansatz sich über Spielzeug aufzuregen auch für völlig verfehlt. Denn es schiebt die Verantwortung ab.

      Und ganz ehrlich, wenn das keiner kaufen wollen würde… 😉

  6. Pingback: Spielzeug und Spielzeug für Mädchen: Ihr werdet pinkifiziert! | Mama hat jetzt keine Zeit…

  7. …und gerade! die Eltern, die sich über Mr Pink aufregen, pressen ihre Kinder doch in eine Rolle. In die Rolle „man darf meinem Kind ja nicht ansehen, ob es Junge oder Mädchen ist“. Klar muss noch etwas passieren, bis wir wirklich gleichberechtigt sind, aber deshalb darf meine Tochter ruhig die „rosa Phase“ ausleben – und eines ihrer Vorbilder darin bin doch sicherlich ich. ;))
    Außerdem: Männer und Frauen sind nunmal verschieden – und das ist auch gut so! 😉
    Toller Artikel! 🙂
    Liebe Grüße

  8. Laut der amerikanischen Historikerin Joan W. Scott ist gender eine kontingente Kategorie, die erst einmal mit Bedeutung zu füllen ist – für Frauen und Männer, Mädchen und Jungen. Dieses Füllen mit Bedeutung ist ein umkämpfter Prozess, bei dem sich Meinungen durchsetzen, er findet in Institutionen, Medien, persönlichen Erfahrungsräumen statt. Es wird von Individuen angenommen oder eben nicht.

    Schaue ich mir die Spielzeug- und Bekleidungsindustrie in Bezug auf ihren Anteil an, wie sie Geschlecht mit Bedeutung füllen, kommt mir das kalte Grausen. Ich kann mich auch noch gut an eine Zeit erinnern, in der sich die Kleidung für Mädchen und Jungen im Grundschulalter kaum unterschied und in er keine Strass-Steinchen an der Jeans klebten oder Blümchenstickereien den Popo von fünfjährigen zierten. Allerdings teile ich die Ansicht der schlimmen Helena, dass das Erleben im persönlichem Umfeld die gewichtigere Rolle spielt. Und natürlich ist Gelassenheit angebracht, wenn die Pinkphase kommt, spätestens mit 18 dürfte die vorbei sein.

    Die Frage ist doch eigentlich: Was passiert, wenn Mädchen und Jungen in ihrem persönlichen Umfeld nicht erleben, dass ihre Interessen nicht auf das beschränkt sein müssen, was als männlich oder weiblich galt (und noch gilt). Was, wenn die bastelwahnsinnige und „Mal doch mal ein schönes Bild“-zentrierte Grundschule, in der kaum Männer unterrichten und in der es keinen Werkunterricht für alle mehr gibt, da nicht gegensteuert?

    Im Grunde wollen wir vermutlich alle das Gleiche: Wir möchten für uns selbst und für unsere Kinder, dass wir die Wahl haben, was für eine Frau oder was für ein Mann wir sind oder seien werden. Ich finde, pinkstinks weist zurecht darauf hin, dass die Spielzeugindustrie Geschlechterbilder nicht öffnet, sondern verhärtet, was sich bei Mädchen besonders an der Farbe pink manifestiert.
    Um das Theater nicht mitzumachen, brauchen wir selbst und unsere Kinder einen anderen Erfahrungshintergrund, brauchen wir die Fähigkeit, Alternativen denken zu können. Ich finde, daran sollten wir gemeinsam arbeiten.

  9. Meine Tochter könnte das lesen und zustimmend nicken. Auch wenn sie Pink immer noch sehr liebt. Sie tröstet mich immer, wenn irgendjemand die Sprache auf Pink bringt: „Der arme Papa mag gar kein Pink …“ Und dann lacht sie herzlich, so hell, wie man mit klugen sieben Jahren eben so lacht. Später werde ich damit angeben können: „Ich habe Pink überlebt!“ Und vielleicht werde ich irgendwo eine geheime Kiste haben mit ein paar alten Spielsachen drin. Pinkfarbenen natürlich.

  10. Pingback: Spielzeug und Spielzeug für Mädchen: Ihr werdet pinkifiziert! | Mama hat jetzt keine Zeit

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