Endlichkeit

Wir waren von Anfang an Verbündete, Komplizen und haben gemeinsam gegen meine Mutter opponiert. Oder wie ich mal sagte „deine Frau“, als ich -noch im Kindergarten- mich auf Deiner Arbeit über sie beschwerte. Gar nicht mal, weil sie über alle Maße so schlimm gewesen wäre. Aber wir waren eine Einheit. Mein Platz war auf Deinem Schoß, meine kleinen Finger in Deine Adern auf dem Handrücken drückend und immer wieder staunen darüber, wie sie sich gleich wieder füllten wenn mein Fingerdruck verschwand. Ich war Deine Katze, wo in unserer Familie die Frauen doch sonst alle Ziegen waren, und es gab nicht viel, was Du mir nicht erlaubt, geglaubt oder ermöglicht hättest. 

Dein Geruch ist für mich mit Heimat verbunden. So holzig und warm. Wie Deine Füße immer warm waren und ich Dir meine kalten Kinderfüße unter die Decke geschoben habe um mich zu wärmen. Wenn Mama Nachtschichten hatte, habe ich lange noch neben Dir im Bett gelegen. Und wir hatten dieses Spiel, dass wir uns an den Händen hielten beim Einschlafen und Du mir am Morgen versichert hast, dass wir so die ganze Nacht gelegen hätten. Manchmal kann ich Deinen Geruch in meinen Kleidungsstücken wiederfinden. Wir sind aus dem gleichen Holz, denke ich dann.

Wir haben keine langen Gespräche geführt. Du bist einfach kein Mann der großen Worte. Und es reicht ein Blick von Dir, mit diesem schalkhaften Blitzen, um zu wissen was Du denkst.

Meinen ersten Kaffee hatte ich von Dir. Und so wie Du mir das Kaffee kochen beigebracht hast, so bringe ich es nun meinen Kindern bei. Ein Teil meiner Geduld als Mutter habe ich von Dir. Ebenso den Glauben, dass ich dazu fähig bin Dinge zu erreichen, die ich mir vornehme, hast Du mitgeprägt. Es gab nichts, was Du mir nicht zugetraut hättest, weil ich ein Mädchen bin. Und als ich mit meinem ersten Kind schwanger war, voller Zweifel über den Zeitpunkt, warst Du nur ein immerwährendes Strahlen, denn es sei an der Zeit gewesen, sagtest Du.

Diese Liebe zwischen uns, dieses Band, es ist immer noch da. Auch jetzt, wo Du alt geworden bist. Wo es Dir nicht gut geht und ich jeden Winter mich fürchte, dass Dich ein Infekt erwischt und Deinen Körper bezwingen könnte. Die Worte von Dir sind noch weniger geworden. Meist sitzt Du da und schaust auf das, was Du erreicht hast. Und ich spüre Zufriedenheit und Stolz in Deinem Blick. Und es tut mir weh, wenn ich sehe, wie die Zeit Dich mir langsam wegnehmen will.

Wir sind immer noch Verbündete. Aus dem gleichen Holz. Und ich weiß nicht wieviele Winter noch vor uns liegen. Bei jedem Besuch pflastere ich die Straßen mit Tränen, wenn ich wieder heimfahre. Jeder Abschied ein wenig für immer. Unsicher in welchem Zustand wir uns wiedersehen werden.

Doch eines muss ich Dir sagen. Immer wieder. Egal wie sehr Du es bereits weißt.

Auch ich bin unendlich stolz auf Dich Papa! Und Du bist für mich immer noch die Liebe meines Lebens. Selbst jetzt, wo Du Dir diesen Platz teilst.

Ich hoffe auf viele Winter.

 

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12 Kommentare zu “Endlichkeit

  1. Oh Wow. Sprachlos. Zu Tränen gerührt… Ich hoffe er wird deine Zeilen lesen können. Wundervolle Worte!

    Danke das du diese Gedanken mit uns teilst.

    Ein Moment in dem man um so mehr schätzt wenn es den eigenen Eltern noch gut geht…

    • Oh. Das wollte ich nicht.

      Dieses Gefühl begleitet mich seit einigen Jahren und es wird immer lauter. Ich kann nicht viel tun, außer häufiger zu meinen Eltern zu fahren. Den Lauf der Dinge kann ich nicht aufhalten. Und es kann ja auch noch einige Jahre gut gehen. Hoffentlich!

  2. Was für ein wundervoller, rührender und von Herzen geschriebener Beitrag. Wenn er auch einen traurigen Hintergrund hat, so hattest du wohl unglaubliches Glück, mit einem solchen Vater aufwachsen zu dürfen. Und weil ich dich ein wenig persönlich kenne: dein Vater und du, ihr scheint euch ähnlich zu sein. Mindestens bezüglich der großen Liebe und Güte und Wertschätzung, die ihr großzügig bereit seid, weiterzugeben. Fühl dich ganz fest gedrückt.
    Tina

  3. Liebe schlimme Helena, was für eine wunderschöne Liebeserklärung! Anbei ein Stück Unendlichkeit: 8 (bitte horizontal ausrichten), mehr war auf die Schnelle nicht zu bekommen! Alles Liebe, viele Winter und dadurch Sonne im Herzen wünscht frauboecker

  4. Danke, ein toller Text. Glücklicher Empfänger ist nicht nur dein Papa, sondern jeder Papa einer Tochter – schöne Erinnerung daran, jeden Moment mit seinen Kindern zu genießen.

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