Das Gespräch

Wir müssen reden.

Du und ich. Denn ich, ich kann so nicht mehr. Und Du, Du bringst mich an meine Grenzen. Und eigentlich müssen wir auch nicht reden. Du musst nur endlich einmal zuhören!

So wie heute morgen. Weißt Du, ich will jeden Morgen früher aufstehen, damit wir Zeit haben. Und ich mache das wirklich ganz vorsichtig mit dem Wecken. Erst zärtlich reden und wenn Du dann nicht aufstehen willst, werde ich ein wenig lauter. Vielleicht wachst Du dann ja auf? Und dann irgendwann, nach einer gefühlten Ewigkeit, platzt mir halt auch der Kragen. Ja, dann schreie ich auch mal. Aber was soll ich denn auch machen? Du hörst ja sonst nicht. Liegst da in Deinem Bett, als ob Du alle Zeit der Welt hättest. Und dabei hast Du die nicht. Ich weiß das wohl. Im Gegensatz zu Dir!

Und wenn wir dann schon so schön suboptimal in den Tag starten und ich wieder ein wenig Ruhe in die Sache bringen will, erstmal ein bissl Fernsehen und was Warmes trinken, ein bisschen kuscheln, um gut in den Tag zu starten, dann denkst Du nur ans Essen machen. Du willst nicht fernsehen, Du willst nicht kuscheln, Du willst nur auf MEINEM Smartphone rumdrücken und denkst nur ans Essen. Und ans Anziehen. Und an Deine Bedürfnisse. Du bist da so in Deinem Film und ich bekomme Dich da nicht raus. Manchmal sitze ich dann nur noch da und weine und schreie, weil ich nicht mehr weiter weiß. Und Du? Essen! Himmel! Als wenn wir geradezu vor der nächsten Nahrungsmittelkrise ständen.

Und dann gefallen Dir nicht die Klamotten, die ich aussuche. Warum können wir nicht einfach was anziehen, was ich nett finde? Warum musst Du das aussuchen? Ich habe nach so einem Start in den Tag wirklich keine Lust auch noch mit Dir darüber zu diskutieren was für Wetter gerade draußen ist. Glaubst Du etwa, dass Du das besser beurteilen kannst?

Mensch Mama. Das geht so nicht weiter. Ehrlich nicht.

Wie wäre es einfach, wenn Du morgen brav um 4:40 Uhr aufstehst, wie andere Mütter auch, und schön mir meine DVD einlegst und mit mir eine Runde kuschelst und dann irgendwann um zehn können wir doch immer noch in den Tag starten.

Das muss doch EINMAL möglich sein!

Dein Sohn

Zdenko

Es ist bald zwei Jahre her. Mein Sohn war noch ein Baby, die Tochter gerade fünf und wir hatten die erste Wintersaison mit Infekten und Arbeit zu viert hinter uns. Eine nie zu enden scheinende Kette an Viren, die wir durch unsere kleine Familie reichten.

Ich weiß nicht mehr genau ob es ein Wochenende war als meine Mutter mich anrief. Nur, dass es einer dieser Anrufe war, bei denen ich mir zuschaute wie ich mich von mir selbst entfernte als sie sagte, dass Zdenko umgebracht worden war. Wie durch Watte sagte ich schnell, dass ich nicht sprechen könne und die Kinder noch wach seien und legte auf.

Der Rest des Tages lief in Trance ab. Meine Kinder kamen mir wie zwei Besucher aus einer besseren Welt vor. Lebenshungrig im Jetzt und unbekümmert, als ob ich nur geträumt hätte.

Als sie abends fest schliefen rief ich zurück.

Mein Cousin war von seinem über 70jährigen Nachbarn erschossen worden. Nach einem Streit darüber, dass er nicht mit ihm trinken wollte. Während Zdenko mit seiner Frau im Weinberg arbeitete kam der Andere zuerst mit einem Messer aus dem Haus, um auf ihn loszugehen. Und als mein Cousin ihm dieses aus der Hand schlagen konnte, kehrte der Nachbar ins Haus zurück und schoss aus dem Fenster auf ihn. Er traf ihn von hinten und die Kugel ging durch ihn durch und streifte noch Zdenkos Frau. Die letzten Worte meines Cousins wahren „Ich bin getroffen“ als der Nachbar aus dem Haus stürmte und meinen am Boden liegenden Cousin mit dem zweiten Schuss erschoss.

Zdenko war viel älter als ich. Mein ältester Cousin. Uns verbanden Kindheitssommer mit Meer und Eis. Er war mein Beschützer und ich seine Prinzessin. Wie mit all meinen Cousins und Cousinen verband uns eine tiefe Geschwisterliebe. Mit dem Krieg in Jugoslawien sahen wir uns immer weniger. Er war selber Soldat und die ganze Familie froh, dass er ihn lebend überstand.

Er hatte seine Eltern selbst so früh verloren, dass ich keine rechte Erinnerung an sie habe. Aber ich erinnere mich an unsere Sommer. An seine Liebenswürdigkeit, an seine Zeit als junger Macho, der immer wieder neue hübsche Frauen da hatte, an seine Versuche sich selbständig zu machen, die dann doch scheiterten. All das zu einer Zeit, zu der ich zu jung war um viel davon zu verstehen.

Und all das hat er überlebt. Hat sich immer wieder aufgerafft mit seinem Optimismus und von vorne begonnen. Er hatte mit den Jahren an Ruhe gewonnen. Hatte sich mit seiner Frau ein hübsches, kleines Leben geschaffen. Hatte den Krieg überlebt. Nur den Nachbarn nicht.

Und ich saß da. Mein eigener Sohn so klein. Und musste weinen. Immer wieder schüttelte es mich. Wie sehr man einen Menschen liebt, ihn beim groß werden begleitet und dann kommt einer daher und beendet alles. Das Gute. Das Schlechte. Die Hoffnung. Das Leben. Einfach so.

Wenn der Alltag mich manchmal überrollt, unter seinen Wellen von Banalitäten und Schmutzwäsche begraben will, kommt mir Zdenko ins Gedächtnis. So wie jetzt. Und ich bin dankbar um dieses Leben, dass ich haben darf. Um meine Kinder, die ich begleiten kann. Und darum, nicht an einem Ort zu leben in dem mein Nachbar mit der Flinte auf mich losgeht.

Komm!

Komm, wir bleiben heute liegen und gehen mal nicht raus. Nicht aus dem Bett, nicht aus dem Zimmer und sicher nicht aus dem Haus! Wir drehen unsere kleinen Runden nur unter dieser Decke. Wir denken nur bis zum Kissenrand, im Tierkreiszeichen Schnecke.

Komm, wir schlafen noch ein Weilchen hier so Arm in Arm. Ich mit der Nase in Deinem Nacken, halte Dich ganz warm.

Komm, wir lassen die Welt heut still stehen in unseren vier Wänden. Die Kinder sollen Fernsehen schauen und uns den Schlaf ruhig spenden.

Komm, wir schicken unseren Chefs eine Gemeinschafts-SMS. Alle hätten es schon vermutet, es stimme, wir seien gestresst.

Denn schöner ist doch nur das Scheitern. Das bringt mehr Sympathien. Keiner wird auf Karriereleitern bejubelt und beschrien.

Komm, wir sagen das Projekt Familie sei uns nicht geglückt. So mancher wird dank unserem Plan dann auch mal ganz entzückt. Dann können sie sich hübsch zuraunen „Ich hab es doch gewusst!. Das was die tun, das geht doch nicht. Denen fehlt doch auch die Lust!“

Komm, wir fahren dann in Ferien an einen schlimmen Ort. Irgendwo, wo man fein streitet, am besten nicht weit fort.

Komm, wir warten dann darauf, dass uns das Geld ausgeht. Wir sind zu alt für Ratenzahlung, was die Bank sicher versteht.

Komm, wir hören schlimme Lieder mit tiefgründigen Zeilen. Doch bitte nur aus Liederseen, die schön im Seichten weilen.

Komm, wir scheitern jetzt gemeinsam und schauen uns dann an, was so ein Gemeinschaftsscheitern an Freuden bringen kann.

Komm! Ich will Dich noch einmal küssen. Weil gleich der Wecker geht.

Denn im Geheimen liebe ich, wie unsere Welt sich dreht.

Und stehe auf und nehme die Kinder und fange den Tag doch an.

Und koche Kaffee für uns beide und wecke Dich freundlich, mein Mann.

Hut ab, Herr Gabriel!

So so, Herr Gabriel holt also einmal in der Woche sein Kind vom Kindergarten ab und alle jubeln ihm zu. Ein Hoch auf Herrn Gabriel, vollbringt er unglaubliche Leistungen, man möge ihm einen Orden anhängen. Natürlich ist das alles nur eine große PR-Kampagne und sowieso, was ist mit all den Frauen, die das tagtäglich tun, nach denen schreit kein Hahn. Eine Frau, die tagtäglich diese Leistung erbringt, wird als Hausfrau und Mutter sowieso nur abschätzig betrachtet. Und dann kommt da so ein Vizekanzler daher und verbringt einen halben Tag in der Woche mit seinem Kind und die Welt steht vor Begeisterung Kopf.

Aber Moment, da war doch was?! Ach ja richtig, das war genau das, was wir Frauen wollten. Wir wollten einen Partner, der Verantwortung für die Kinder übernimmt, der nicht nur der Präsenzkultur frönt, der auch im Beruf mal mit der Faust auf den Tisch haut und „Ja“ sagt zu seiner Familie und seinen damit einhergehenden Verpflichtungen.

Was muss es einen Vizekanzler wohl gekostet haben, sich einen Nachmittag in der Woche frei zu kämpfen. Das ist ihm gewiss nicht zugeflogen. Viele Väter haben die Erfahrung gemacht, wie schwer es ist, beruflich für seine Kinder kürzer zu treten. Es soll Väter geben, denen mit einem Karriere-Aus gedroht wurde, sollten sie nur daran denken, Elternzeit zu beantragen. Väter müssen viel mehr kämpfen, um die gleichen Rechte zu bekommen, wie wir Frauen. Umgekehrt kämpfen wir Mütter natürlich auch. Und da zeigt es sich wieder: wir sitzen alle im selben Boot. Es bringt nichts, auszuloten, wer mehr leistet. Das hat ein wenig was von den typischen Elternstreitigkeiten, keiner fühlt sich wertgeschätzt, jeder rechtfertigt sich nur noch, macht dem Anderen Vorwürfe und zusammen zieht man nicht mehr am selben Strang. Das führt unweigerlich zu der Frage, wer da wen geringschätzt. Wenn wir einen Kind-Nachmittag nicht als Leistung anerkennen, dann erkennen wir gleichzeitig unsere eigene Arbeit ebenso nicht an. Ich habe mal gelesen, Frauen brezeln sich nicht für Männer auf, sondern für die anderen Frauen. Ich glaube da ist was dran und ich glaube, ein ganz kleines bisschen kann man das auch auf die Geringschätzung der Familienarbeit ummünzen.

Ich verstehe die Reaktion vieler Frauen. Der Jubel der Medien gleicht mancher wohl einer Ohrfeige, erbringt sie selbst täglich diese Leistung und hat nicht das Gefühl, dass sie nach Außen hin einen Wert hätte. Aber rein gesellschaftlich glaube ich, dass dieser Schritt ein großer ist. Und statt diesen klein zu reden, sollten wir diesen Artikel nehmen, ihn unseren Männern/ Bekannten/ Vätern hinlegen und sagen: Ich finde es mutig und nachahmenswert, was der sich traut! Und was lösen wir durch die sarkastische Reaktion aus? Gewiss nicht, dass unsere Männer motiviert sind, einen ersten Schritt in Richtung mehr Familie zu wagen. Wird dieser ja doch nicht wertgeschätzt.

Das ist so ein wichtiges Zeichen, das Herr Gabriel da setzt. Und ja mei, vielleicht ist es auch dazu noch PR, aber auch wir können diese für unsere eigenen Zwecke nutzen – Mütter, wie Väter. Wenn es schon „normal“ ist, dass ein Vizekanzler Familienzeit hat, dann könnte das doch für den Rest von Deutschland bald auch üblicher werden, sowohl für Arbeitgeber und Arbeitnehmer, sowohl für die unten als auch die oben in den Hierarchien.

Also, Hut ab Herr Gabriel. Und Danke!

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Dies ist ein Gemeinschaftsbeitrag von Tina von VOMWERDENZUMSEIN und mir. Wir telefonieren und schreiben uns regelmäßig und tauschen uns intensiv über Vereinbarkeit aus. Wir glauben daran, dass Änderungen im Kleinen möglich sind und beginnen und dass alles mit einem ersten Schritt anfangen muss. Manchmal sind erste Schritte auf den ersten Blick so klein, dass sie nicht der Erwähnung Wert scheinen. Aber jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt. Und wir glauben, dass er genauso viel Anerkennung verdient wie der Letzte. Für Männer, für Frauen, für Euch und für uns!