Zdenko

Es ist bald zwei Jahre her. Mein Sohn war noch ein Baby, die Tochter gerade fünf und wir hatten die erste Wintersaison mit Infekten und Arbeit zu viert hinter uns. Eine nie zu enden scheinende Kette an Viren, die wir durch unsere kleine Familie reichten.

Ich weiß nicht mehr genau ob es ein Wochenende war als meine Mutter mich anrief. Nur, dass es einer dieser Anrufe war, bei denen ich mir zuschaute wie ich mich von mir selbst entfernte als sie sagte, dass Zdenko umgebracht worden war. Wie durch Watte sagte ich schnell, dass ich nicht sprechen könne und die Kinder noch wach seien und legte auf.

Der Rest des Tages lief in Trance ab. Meine Kinder kamen mir wie zwei Besucher aus einer besseren Welt vor. Lebenshungrig im Jetzt und unbekümmert, als ob ich nur geträumt hätte.

Als sie abends fest schliefen rief ich zurück.

Mein Cousin war von seinem über 70jährigen Nachbarn erschossen worden. Nach einem Streit darüber, dass er nicht mit ihm trinken wollte. Während Zdenko mit seiner Frau im Weinberg arbeitete kam der Andere zuerst mit einem Messer aus dem Haus, um auf ihn loszugehen. Und als mein Cousin ihm dieses aus der Hand schlagen konnte, kehrte der Nachbar ins Haus zurück und schoss aus dem Fenster auf ihn. Er traf ihn von hinten und die Kugel ging durch ihn durch und streifte noch Zdenkos Frau. Die letzten Worte meines Cousins wahren „Ich bin getroffen“ als der Nachbar aus dem Haus stürmte und meinen am Boden liegenden Cousin mit dem zweiten Schuss erschoss.

Zdenko war viel älter als ich. Mein ältester Cousin. Uns verbanden Kindheitssommer mit Meer und Eis. Er war mein Beschützer und ich seine Prinzessin. Wie mit all meinen Cousins und Cousinen verband uns eine tiefe Geschwisterliebe. Mit dem Krieg in Jugoslawien sahen wir uns immer weniger. Er war selber Soldat und die ganze Familie froh, dass er ihn lebend überstand.

Er hatte seine Eltern selbst so früh verloren, dass ich keine rechte Erinnerung an sie habe. Aber ich erinnere mich an unsere Sommer. An seine Liebenswürdigkeit, an seine Zeit als junger Macho, der immer wieder neue hübsche Frauen da hatte, an seine Versuche sich selbständig zu machen, die dann doch scheiterten. All das zu einer Zeit, zu der ich zu jung war um viel davon zu verstehen.

Und all das hat er überlebt. Hat sich immer wieder aufgerafft mit seinem Optimismus und von vorne begonnen. Er hatte mit den Jahren an Ruhe gewonnen. Hatte sich mit seiner Frau ein hübsches, kleines Leben geschaffen. Hatte den Krieg überlebt. Nur den Nachbarn nicht.

Und ich saß da. Mein eigener Sohn so klein. Und musste weinen. Immer wieder schüttelte es mich. Wie sehr man einen Menschen liebt, ihn beim groß werden begleitet und dann kommt einer daher und beendet alles. Das Gute. Das Schlechte. Die Hoffnung. Das Leben. Einfach so.

Wenn der Alltag mich manchmal überrollt, unter seinen Wellen von Banalitäten und Schmutzwäsche begraben will, kommt mir Zdenko ins Gedächtnis. So wie jetzt. Und ich bin dankbar um dieses Leben, dass ich haben darf. Um meine Kinder, die ich begleiten kann. Und darum, nicht an einem Ort zu leben in dem mein Nachbar mit der Flinte auf mich losgeht.

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4 Kommentare zu “Zdenko

  1. Ach Helena!
    Ich erinnere mich noch, wie du das damals erzählt hast. Und wie damals möchte ich dich einfach nur drücken und mit dir zusammen dankbar sein, daß es uns sooo gut geht und wir meistens nur das Problem haben, daß im ganzen Kleiderschrank nichts zum anziehen ist.

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