Raclette des Grauens

Freunde kann man sich aussuchen. Familie nicht.

Was man bei Freunden jedoch viel zu spät meist in die Auslese mit einbezieht ist: ihre Kunst ein guter Gastgeber zu sein. Zugegeben sind das keine Fähigkeiten die in der Zeit der Jugend, in der man sich durch Kneipen, Tanzflächen und Konzerte schlägt, stark ins Gewicht fallen. Jedoch spätestens dann, wenn man anfängt die bürgerlichen Verabredungen der Eltern zu immitieren und sich zum Essen daheim einlädt, fällt es einem wie Schuppen von den Augen, mit was für Subjekten man sich den ein oder anderen Vollrausch angetrunken hat.

Meine persönliche Götterdämmerung waren dabei die Einladungen zum Raclette in meinem Leben. Eine Abart die ich aus meiner Familie, in der tatsächlich gekocht wurde, nicht kannte. Mir war die Verzückung für gemeinsames Sitzen um ein Raclette ebenso fremd wie befremdlich, bevor ich das erste Mal in den Genuß eines solchen Abends kam. Ausschweifend wurde mir berichtet was da alles aufgetischt wird. Fleisch und Kartoffeln und Gemüse und leckere Soßen und das Ganze dann mit Käse überbacken, klangen zuerst gar nicht so verkehrt. Und fast wäre ich neidisch auf diese Freunde gewesen, die so tolle Racletteabende zu ihren schönsten Erinnerungen zählen konnten.

Bis mich die bittere Realität einholte.

Denn zum Raclette lädt Dich nur der ein, der nicht kochen kann, eben weil es nicht halb so en vogue ist zu belegten Broten einzuladen, die man sich gemeinsam schmiert. Wenngleich ich inzwischen letzteres vorziehen würde.

Die triste Wahrheit über Racletteessen in meinem Bekanntenkreis war, dass man Stunden damit verbringt sich Miniaturportionen von billigem, ungewürztem Fleisch auf einem „heißen“ Stein anzubraten. Immer argwöhnisch belauernd, dass der noch verfressenere Sitznachbar einem nichts wegnimmt, bevor es nach einer Ewigkeit essbar ist. Währenddessen kann man sich Fertigsaucen auf den Teller schütten und in grotesk kleinen Pfännchen sich einzelne Scheiben an Kartoffeln, wahlweise mit Pilzen oder Gemüse, von Lawinen an Käse überbacken lassen. In einer Stunde essen, schafft man es so mit Hilfe von zwei Litern Bier und einem halben Baguette, den gröbsten Hunger zu stillen und insgeheim alle Freundschafte zu verfluchen, die einen zum Essen einladen, dass man dann doch selber kochen muss. Der Geschmack des Essens ist dabei recht, nun, ursprünglich. Denn weder war je ein Raclette, das ich hatte, mit marinierten oder raffinierten Zutaten. Noch bin ich je bei einem Raclette satt geworden. Egal ob ich die einfache Pfännchentaktik wählen musste, oder sogar (oho!) auf zwei davon zurückgreifen konnte.

Es gibt Dinge, die werden mir einfach fremd bleiben. Aber wenn Liebe durch den Magen geht, und Freundschaft eine Form der Liebe ist, dann seid gewarnt! Mit Raclette setzt Ihr bei mir auf das falsche Pferd! Sofern es nicht das nächste Mal saftige Pferdesteaks mit Antipasti dazu gibt.

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13 Kommentare zu “Raclette des Grauens

  1. Sowohl Raclette als auch Fondue sind einfach nur nicht sättigend und schmecken nach nichts. Das Happening drum herum ist langweilig und diese Abende schlicht unerträglich.
    Was ich nicht verstehe, wir haben beides zu Hause (frag nicht), ständig melden sich irgendwelche befreundeten Pärchen, dass sie das gerne mal wieder bei uns machen würden. Freiwillig! So kommt es dann, dass ein paar Freunde schon glauben, dass sich meine Frau von mir getrennt hat ^^

    Drei Silvester wurde ich bisher mit so nem Scheiß gequält, mittlerweile lässt man mich Gott sei dank damit in Ruhe.

  2. Ich persönlich mag Käse eigentlich nur auf Pizza. Bei Raclette suche ich mir die dickste Kartoffel und den kleinsten Käse und esse dann aus Alibigründen je zwei Stücke. Leider bin ich der einzige im Bekanntenkreis, der kein Raclette mag. Vor über 10 Jahren hatten wir Freunde zum Raclette eingeladen und seitdem hat es sich zu einer festen Institution entwickelt. Selbst ein Umzug und über 400km Anfahrt hält die Freunde nicht davon ab einmal im Jahr zum Raclette zu kommen. Da die Gruppe immer größer wird, müssen wir auch immer mehr Käse besorgen. Am Tag des Raclette hoffe ich immer inständig, dass es draußen bereits kalt genug ist, dass man den Käse draußen lassen kann. Falls nicht, überlege ich jedes Mal, ob ich den Kühlschrank wirklich aufmachen muss oder nicht. Auch die Getränke entwickeln sich über die Jahre. Während anfangs mehr Bier getrunken wurde, nahm dann der Weinkonsum stark zu. Mir graut schon vor dem nächsten Termin und dem Käsegeruch im Haus, aber auf die Freunde freue ich mich jetzt schon.

  3. Ok, ich oute mich: ich mal Raclette, ich mag Fondue. Es geht dabei nicht um’s Sattwerden, es geht eher um „lecker Häppchen“, um’s Zusammensitzen, die Zeremonie, das ewige Warten auf’s Essen, wo man Zeit zum Ausschwatzen hat.
    Mit Massenware, gedankenlos zusammengekauft, geht das natürlich nicht.
    Wenn schon Fleisch, warum nicht Strauß, Krokodil und Pferd? Warum kein gutes Gemüse direkt vom Bauern, das man auch roh essen kann oder aus dem eigenen Garten holt? Da kann der Gast Teil der Vorbereitung sein. Gib ihm ein Messer, schick ihn ins Beet und laß ihn einen Blumenkohl und neun Möhren holen. Ein paar vernünftige Äpfel sollten auch in der Küche zu finden sein…

    Meine Güte! Das Restöl kommt nachher, wenn man sich später auf die Terrasse setzt und die Kiefernzweige verbrannt sind, auf die Glut und gibt noch ’n schöne Portion Wärme.
    Jetzt kann man sehr schön alte Geschichten hervorkramen — „Wißt ihr noch…“ oder, wenn Pegel und Mut stimmen, alte Lieder singen…

  4. Du hast soo recht … Manchmal kann man sich aber schon darum nicht dagegen wehren, weil das Argument aufkommt, daß die Kinder es so sehr mögen. Und alle Kinder rufen dann „Jaaa!“ Die kleinen Verräter.

  5. Eigentlich hatte ich bisher nicht so viel gegen Raclette, liegt aber wohl daran, das es erst 2x in meinem Leben eines gab und wir dafür viel selbst gemacht haben. Ich mag keine fertigen Soßen und Co. liegt an meinem Willen zu einer gesunden Ernährung (auch oder grad weil ich Gemüse nicht mag) so wie du das runter geschrieben ast ist es jedenfalls sehr amüsant und ich muss weiterhin herzlich lachen, das das die Leute machen die nicht kochen können.^^

    LG Mel

  6. Das trifft den Nagel auf den Kopf! Endlich kann ich mich dazu bekennen: ich hasse Raclette! Und anscheinend bin ich nicht allein! Ich hab immer klammheimlich überlegt, warum ich dem ganzen Quatsch nichts abgewinnen kann. Aber was soll an Pilzen und Mais aus der Dose überbacken mit Käse so toll sein? Am meisten erstaunt es wirklich, wenn Leute davon schwärmen, als würden sie von einem Gourmetmenu erzählen. Letzteres bringt mich auch hin und wieder zum schwärmen, aber verkohltes Fleisch, Brandwunden an den Händen und Kartoffeln mit Ananas und Käse? Nein danke!

  7. Endlich finde ich Gleichgesinnte!

    In meinem alljährlichen Silvester-Bingo (Fondue oder Raclette) ziehe ich immer Raclette! Ich habe prinzipiell nichts gegen Kartoffeln. Aber ich bin weder Käsekenner noch –freund und bin daher sehr traurig, dass niemand mehr Fondue zu machen scheint! Wahrscheinlich liegt es daran, dass zwischenzeitlich fast jede festliche Runde mit Vegetariern durchsetzt ist, die bei Fondue halt in Ohnmacht fallen.

    Am Schlimmsten finde ich dann diese verlogene Praxis, neben Kartoffeln, Gemüse & Käse auch noch Fleisch anzubieten. Es kommt doch niemand auf die fixe Idee, seinen Gästen bei einer festlichen Tafel eine irrationale Menge Kartoffeln aufzutischen, diese mit Unmengen diverser genießbarer oder auch übelst stinkender Käsesorten zu beschmeißen und das Ganze mit halbgarem Frischgemüse oder einfallslosem Dosengrünzeug zu krönen. Was zur Hölle sollen dann die Fleischstreifen an diesem lukullischen Sündenfall noch retten? Alle kulinarisch halbwegs gebildeten Menschen werden einem solchen Gastgeber doch den Vogel zeigen.

    Noch ein Wort zum Fondue: Bitte Fondue bourguignonne! Und die Saucen macht man liebevoll selbst! Und wer seinen Gästen Supermarkt-Pute als Fleisch anbietet, gehört geteert und gefedert!

    Morgen bin ich wieder eingeladen – zum Raclette. :-p

    Guten Rutsch! 😉

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