Der Alptraum

„Sind Sie das mit dem Neugeborenen?“

Gerade erst habe ich den Eingang der Kinderklinik betreten, als eine Ärztin auf mich zustürmt. Ich bejahe, sie nimmt mir die Babyschale aus der Hand mit meinem Sohn, der grau und wimmernd darin liegt. Wir folgen ihr in einen Behandlungsraum. Eine zweite Person kommt. Sie ziehen meinen Sohn hektisch aus. Er wird verkabelt, an Geräte angeschlossen, es wird telefoniert.

Dann kommen noch zwei in blau gekleidete Frauen hinzu. Eine hat einen Rucksack dabei, der wichtig aussieht in rot und gelb. Ich stehe in der Ecke des Raumes zusammen mit der Freundin, die mich begleitet hatte, und beantworte die Fragen, die mir zugeworfen werden. Mein Sohn weint die ganze Zeit. Seine Haut ist grau-grün, seine Stimme rauh. Die vier Frauen, die ihn untersuchen wirken ernst, arbeiten konzentriert unter Druck, nehmen Blut ab, schließen Geräte an seinen kleinen Körper.

Die Ärztin, die mir zuerst entgegen kam, gibt Anweisungen, Untersuchungen müssen veranlasst werden. Die Werte werden sofort gebraucht. Ich stehe wie gelähmt weiter in meiner Ecke des Raumes. Ich kann nicht helfen, ich will zumindest nicht stören. Und in meinen Augen stapeln sich Tränen, die ich mit aller Kraft unterdrücke und nur ein Gedanke rast durch meinen Kopf, „Bitte stirb nicht.“

Man sagt mir, dass das Kind auf die Intensivstation kommt, ich könne gleich mitkommen. Es wird nochmals alles abgefragt. Seit wann sein Zustand so sei. „Seit heute Nachmittag.“ Wie lange er schon krank sei. „Es fing vor zwei oder drei Tagen mit Schnupfen an.“ Die blauen Frauen fahren mit mir im Fahrstuhl hoch, wir kommen auf die Intensivstation. Meine Brüste schmerzen, weil ich seit 6 Stunden nicht mehr mein Kind stillen konnte. Weil er von jetzt auf gleich zu schwach zum Trinken war, zu schwach zum Atmen.

Im Fahrstuhl ist ein wenig Zeit da. Die eine Frau erklärt mir, was noch für Untersuchungen anstehen, welchen Verdacht sie haben. Sie beruhigt mich „Sie haben alles richtig gemacht. Das kann bei so kleinen sehr schnell gehen.“. Mein Sohn ist da 19 Tage alt. Sie haben einen bestimmten Virus in Verdacht. Das Ergebnis des Schnelltests wird noch am gleichen Tag erwartet. Entzündungswerte ebenfalls. Dann wird noch eine Hirnwasseruntersuchung anstehen. Und die Lunge muss geröntgt werden. Ich konzentriere mich auf die Fakten, frage nach. Sie bringen mein Kind in ein Zimmer auf der Intensiv, die Chefärztin kommt zu mir, um die nächsten Schritte zu besprechen. Als ich zu ihm darf, liegt er in einem Babykrankenbett, verkabelt, mit einer sogenannten Nasenbrille ausgestattet, die Luft in seine Lungen presst. Ein Monitor überwacht seinen Puls, seine Atemfrequenz und seine Sauerstoffsättigung. Er scheint sich zu stabilisieren. Ich könne versuchen ihn zu stillen, sagt man mir. Aber der Versuch schlägt fehl. Nachdem er ein- zweimal an der Brust saugt, hört er wieder auf. Ich bin wie in Trance.

Er wird wieder in sein Bettchen gelegt. Und dann sind wir alleine im Raum. Ich schaue auf den Monitor, schaue mir seine Kurven an. Da sackt seine Sauerstoffsättigung ab und der Monitor bimmelt Alarm. Darauf fällt sein Puls und seine Atemfrequenz. Der Puls geht auf unter 100, unter 90, unter 80. Der Monitor bimmelt, ich stehe daneben, gelähmt, rufe niemanden und bitte ihn im Kopf abermals „Stirb jetzt bitte nicht. Stirb jetzt bitte nicht. Stirb jetzt bitte nicht.“. Eine Ärztin kommt, sie massiert ihn an der Schulter und er atmet wieder ruhiger. Ich drehe mich weg vom Bett und kämpfe mit den Tränen.

Irgendwann fahren wir nachhause. Ich werde meinen Sohn dort lassen müssen. Zuhause warten der Mann und die anderen zwei Kinder. Ich rufe den Mann auf dem Weg zum Auto noch an. Schildere, was geschehen ist. Gebe wider, was die Ärzte mir gesagt haben. Seine Stimme klingt brüchig, als ich rede. „Bitte, bitte nicht weinen.“ sage ich ins Telefon. Die Rückfahrt dauert ewig.

Daheim funktioniere ich. Schildere alles möglichst positiv für die Kinder. Sage, dass man sich dort um den Bruder gut kümmert und habe den Satz der Intensivschwester im Ohr „Ich kann Ihnen nicht sagen, was passiert wäre, wenn sie heute nicht gekommen wären.“. Ich gehe die vergangenen Tage immer wieder durch, während wir die Kinder alle gemeinsam bettfertig machen. Irgendwann sitze ich mit dem Mann alleine da. Die Klinik habe ich nochmal angerufen, die ersten Ergebnisse sind da. Der erste Verdacht hat sich bestätigt und sie wissen nun mit welchem Virus sie es zu tun haben. Nein, die Entzündungswerte seien gut. Die Röntgenaufnahme bestätigt, dass die Lunge nicht entzündet ist. Lediglich eine Bronchiolitis habe er. Glück im Unglück.

Die nächsten Tage sind wie in einem Film. Fahrten zwischen Klinik und Zuhause. Damit ich weiter stillen kann, muss ich Milch abpumpen. Die Milch geht dennoch zurück. Ich fahre mit tiefgefrorenen Milchflaschen zur Klinik, stehe schweigend neben dem Bett meines Kindes. Weil sein Virus hochgradig ansteckend ist, muss ich mich mit Kittel, Mundschutz und Handschuhen bekleiden, bevor ich den Raum betrete. Er schläft immer wenn ich komme und ich will nicht stören. Fühle mich deplaziert, kann ihm nicht helfen und lasse meine gummibehandschuhten Hände daher bei mir und sage nichts.

Seine Werte werden jeden Tag besser. Nach zwei Tagen fragt mich eine Intensivschwester, ob ich mein Kind auf den Arm nehmen möchte. Eigentlich muss ich zu diesem Zeitpunkt schon wieder zurück zu meinen anderen Kindern fahren. Aber ich bleibe, bekomme mein Baby auf die Brust gelegt und kämpfe wieder mit den Tränen. Mein Verstand weiß, dass er hier gut aufgehoben ist, zwischen diesen Monitoren und Schläuchen. Meine Hormone sagen mir, dass ich als Mutter versagt habe und nun überflüssig bin. Zwischendrin immer wieder Milch abpumpen. Die Pumpe in der Klinik ist besser als meine daheim. Also pumpe ich dort zweimal am Tag ab und lerne so andere Mütter kennen. Höre mir ihre Geschichten an und schäme mich, dass ich drei gesunde Kinder habe. Ich werde demütig.

Tagsüber lenke ich mich ab im Internet und mit den Aufgaben daheim. Abends liege ich neben dem Mann und weine, weil mir mein Kind fehlt.

Genau eine Woche später ist unser Sohn bereits auf einer normalen Kinderstation und die Stationsärztin fragt mich, ob ich mein Kind wieder mit heimnehmen wolle. Genauso plötzlich wie der Alptraum anfing, endet er.

Ich stammel: „Ja. Ich muss nur noch schnell einkaufen und seine Sachen holen.“

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