Die Kinderärztin

 

Der Sohn hatte Ohrenschmerzen. Es war nicht erstaunlich, da er seit Monaten im Kindergarten seine Rotznase nicht wegbekam und eigentlich wunderte ich mich eher, dass der Infekt sich den halben Winter über nicht auszubreiten schien. Aber eines Abends sagte er, ihm täten die Ohren weh. Da ich durch seine große Schwester leider Expertin für Mittelohrentzündungen bin, habe ich ihm den Kopf höher gelagert, etwas gegen die Schmerzen gegeben, sowie Nasenspray und ihn ins Bett gesteckt. So ging das zwei Nächte. So lange das Schmerzmittel wirkte, war alles fein und das Kind fit wie eh und je. Ließ die Wirkung jedoch nach, weinte er auf und war ein Häufchen Elend. Dieses Auf und Ab haben wir dann am dritten Tag beendet und ich habe den Kinderarzt angerufen.

Die Praxis sei heute sehr voll, wurde mir gesagt. Ich könne mit dem Sohn gegen 11:15 Uhr kommen, aber unser Arzt könne ihn nicht behandeln, weil dieser schon komplett dicht sei mit Terminen. Seine Kollegin würde den Sohn anschauen. „Ja. Das ist ja kein Problem. Hauptsache jemand schaut kurz, ob er eine andere Therapie braucht als die aktuelle“, sagte ich.

Der Sohn freute sich also bis 11 Uhr auf den Kinderarzt. Denn der würde ihn ja wieder gesund machen und überhaupt ist es für den Mittleren schön, wenn er mal im Mittelpunkt steht. Bei drei Kindern ist das immer etwas Besonderes, wenn man einmal die ungeteilte Aufmerksamkeit hat. Wir malten zuhause noch was, machten gemeinsam den Babybruder startklar für unseren Arztausflug und fuhren zur Praxis. Der Sohn hatte das letzte Mal in der Nacht etwas gegen die Schmerzen von mir bekommen, weil ich keine Untersuchungsergebnisse am Morgen verfälschen wollte und er klagte wieder über Ohrenschmerzen. „Wir sind ja gleich beim Arzt.“ konnte ich ihn vertrösten.

Zusammen sind wir in die Praxis gegangen, haben uns angemeldet und uns ins Wartezimmer gesetzt. Dort freute sich der Sohn dann über die tollen Spielsachen. Es war fast, als würde ich einen Erlebnisausflug mit ihm machen. Ach, wie schön, wenn man sich so über Dinge freuen kann, dachte ich bei mir. Das Baby schlief, der Sohn spielte und ich las im Wartezimmer ein wenig Nachrichten.

Wir wurden aufgerufen, gingen in den Behandlungsraum und mein Mittlerer kletterte ein wenig eingeschüchtert auf meinen Schoß, während das Baby neben uns in der Autoschale schlief. Vor der Ärztin kam noch eine Sprechstundenhilfe und wog und vermaß den Sohn, fragte die Krankheitsgeschichte ab und verließ uns wieder. Die Ärztin würde gleich kommen.

Dann kam die Ärztin. Der Sohn verstummte, sobald sie den Raum betrat und traute sich nicht auf ihre Fragen zu antworten. Das führte zu der absurden Situation, dass ich die Fragen an den Sohn wiederholte, er mich ängstlich mit großen Augen ansah und ich die Fragen dann der Ärztin beantwortete. Dies wäre nicht weiter der Rede wert, denn der Sohn ist erst vier Jahre alt und solches Verhalten Fremden gegenüber ist in dem Alter durchaus normal. Die Ärztin befragte aber weiter den Sohn, ich -müde des Frageweiterleitungsspiels- antwortete direkt der Ärztin und begab mich mit dem Sohn zur Untersuchungsliege. Das Kind wurde von mir hochgehoben und auf die Liege gesetzt und die Ärztin untersuchte zuerst die schmerzenden Ohren.

Nun taten die Ohren ja bereits seit zwei Tagen und Nächten dem Kind weh. Als die Ärztin sich das erste Ohr mit der Hand so zurechtbog, dass sie besser hinein schauen konnte, heulte der Sohn auf. Es tat ihm weh, ich beruhigte ihn, dass die Ohren nur kurz untersucht werden müssen und die Ärztin sagte trocken „So weh, dass man da weinen muss, tut das aber nicht. Dafür sind die nicht rot genug.“ Sie attestierte einen beidseitigen Paukenerguss und schaute noch in den Rachen -auch gerötet- und horchte Herz und Lunge ab. Mein Sohn hatte nach der Ohruntersuchung jedoch nicht aufgehört zu wimmern und zu weinen, so dass ich ihn beim Abhorchen versuchte zu beruhigen, damit die Kinderärztin ihre Untersuchung fortsetzen kann. Am Ende dieser sagte sie dann „Der hat anscheinend die Männergrippe.“ und verordnete die doppelte Dosis eines Antibiotikums. Ich schnappte mir meine Söhne und das Rezept und verließ die Praxis.

Es sei ja jedem frei gestellt über Männer und Frauen zu denken, was er möchte. Ebenso kann wegen mir jeder für sich sein Weltbild basteln, warum Jungs so sind und Mädchen so. Jedoch da, wo man völlig unempathisch in seinem Job mit Kindern umgeht, ihre Gefühle nicht ernst nimmt und sie in eine Geschlechterklischeeschublade steckt und zwar so, dass das Kind dies auch noch mitbekommt, ist es nicht mehr reine Privatsache.

Mit dieser Kinderärztin sind wir zumindest durch. Und mit der Mittelohrentzündung inzwischen zum Glück auch.

Advertisements

5 Kommentare zu “Die Kinderärztin

  1. Klare Diagnose: Beruf verfehlt. Wirklich fast nicht zu glauben. Vor allem aber traurig, da Kinder so was ja immer sehr feinfühliger spüren. Liebe Grüße, Kerstin

  2. Mal ganz abgesehen von dem sexistischen Schubladendenken, Jungen und Männer wären nie krank sondern lediglich weinerlich:
    Mich kotzt diese allwissende Art an.

    „Das tut nicht weh, kann es gar nicht!“
    Danke, deshalb wäre meine Frau nach der Geburt (Kaiserschnitt) fast von uns gegangen.

    „Doch, das haben Sie vorliegen!“
    NEIN, hier liegt es nicht, komm halt vorbei und guck selbst!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s