Sie

Ich weiß nicht, seit wann sie bei mir ist. Das wusste ich noch nie. Sie kam jedes Mal so leise, schlich sich bei mir ein und kauerte in einer Ecke. Monoton vor sich hin wippend saß sie da. Wo hatte sie sich versteckt? Im Kinderzimmer vielleicht, dass ich hätte viel früher aufräumen sollen? Oder zwischen den Papieren aus Ämtern, Anwälten und Rechnungen, die ich hätte abheften müssen?

Bemerkt habe ich sie erst, als sie zum Wippen noch das Jammern anfing. Zuerst ganz leise, ein monotones Jaulen, das sich in die tägliche Geräuschkulisse fügte und von dort sich peu à peu herauswand. War da was? Ich begann hellhörig zu werden. Immer wieder meinte ich sie zu erkennen und dann webte sich doch alles in den Alltag hinein und ich wischte den Gedanken weg.

Der Alltag hingegen fing an zu strudeln unter dem auf- und abschwellendem Jaulen. Und sie kroch langsam mich umkreisend auf mich zu. So muß es gewesen sein. Denn manches Mal spürte ich ihren faulen Atem in meinem Nacken und es lief ein Schauer kurz über meinem Rücken, der sie wieder hinfort spülte. Als er mich dann anrief, setzte sie sich in meinen Nacken. Ihre langen Finger glitten durch meine Haare, mein Herz pochte im Takt ihres Atems und eine Lähmung ergriff meine Glieder. Ich schob es auf das Telefonat. Eines dieser Telefonate, bei denen man sieht wie die Energie aus dem eigenen Körper gezogen wird und im Datenmüll verschwindet. Aber die Lähmung blieb. Sie blieb nachdem ich auflegte. Und sie blieb auch in den kommenden Tagen.

Vielleicht sollte ich Ordnung in dieses Leben bringen? Vielleicht kann ich so ihr Nest finden und sie entsorgen, dachte ich. So macht man das doch mit Ungeziefern. Mit Parasiten. Mit ungebetenen Gästen. Man entledigt sich ihrer.

Das ist nun zwei Wochen her. Und sie ist immer noch da. Egal wie sehr ich Ordnung schaffe. Egal wie sehr mein Verstand mich stützt und durch die Tage trägt. Egal wie sehr ich sie bekämpfe. Sie ist da, wenn ich aufwache. Und sie sitzt auf meiner Brust, wenn ich einschlafe. Sie hat meinen halben Körper in Besitz genommen und so heiß ich auch dusche, so sehr ich mich auch informiere, sie geht nicht. Sie will nicht. Sie mag es hier bei mir.

Mir ist nur mein Verstand geblieben. An dem halte ich mich. Er führt mich. Und er sagt, dass wir sie schon loswerden. Irgendwann. Bald. Hoffentlich.

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6 Kommentare zu “Sie

  1. Von früher kenne ich sie. Vor ein paar Jahren ist sie verschwunden, einfach so.
    Oder weil mein Verstand es gelernt hat, sie auszutricksen mit Alltagsfreuden.
    Und ich gelernt habe, mich zu fokussieren, alles und jeden rauszuwerfen, der mit schadet.
    Bisher hat es geklappt.
    Wünsche ganz viel Glück und Erfolg 🙂

  2. ..es tut gut zu wissen das man nicht alleine ist . Es tut gut zu lesen das man nicht alleine ist. Ja Sie war schon mal bei mir ich hätte Sie doch erkennen können.Wollte es wohl nicht. Nun ist sie auch bei mir wieder da. Nun kämpfe auch Ich wieder einmal mit Ihr.
    Gruß und Danke für diesen Blog(Eintrag)

  3. Es tut gut, deinen Post zu lesen. Sie ist bei mir zwar ein Er, verhält sich aber fast genauso. Manchmal vermisse ich Ihn aber auch, wenn ich alleine bin. Dann kommt er angeschnurrt, was sich erst gut anfühlt, dass ich nicht merke, wie Er sich breitmacht. Ich fürchte, Er ist ein Teil von mir selbst.
    Ich wünsche dir, dass du einen Weg findest, Sie loszuwerden. Viel Glück und Kraft!

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