Ich liege

Ich sitze auf seinem Bett und versuche zu verstehen, was er mir wieder und wieder zuhaucht. Das Reden kostet ihn Kraft und doch wiederholt er immer wieder leise zischend das gleiche Wort. „Papa, ich verstehe dich nicht. Sag es bitte nochmal.“ sage ich. Er liegt im Krankenhaus, eingerahmt von zwei alten Männern, die unterschiedlich schnell sich ebenso dem Tod nähern. Durchs Fenster haben wir einen schönen Blick auf den Drachenfels. Es ist ein trüber Tag und im Zimmer herrscht eine trübe Stimmung.

Nach unzähligen Wiederholungen merke ich, dass mein Vater auf serbokroatisch mit mir spricht. „Ich liege“ haucht er immer wieder in meiner Muttersprache. Als ich ihn endlich verstehe, frage ich ihn, ob es ihn belastet, dass er nicht mehr aufstehen kann. „Ja.“ haucht er, nun  in deutsch.

Eine Träne läuft an seinem linken Auge herab über die Wange. Ich streiche sie ihm weg, streiche ihm über die Haare und neige mich zu ihm, so dass sich unsere Wangen berühren. Ich atme seinen holzig, warmen Geruch ein, halte seine Hand. Seine Hand ist so dünn geworden. Wo früher seine Adern prall gefüllt Flusslandschaften auf seinem Handrücken malten sind nun nur blaue, dünne Striche. Wir schaffen es irgendwie eine Konversation zu halten. Wir sind inmitten des Krankenzimmers wie zwei Schiffsbrüchige in einem Boot. Und unser Boot sinkt.

Er sagt, dass er Angst hat. Er würde gerne wieder aufstehen können. Von meiner Mutter weiß ich, dass er wieder essen möchte. Aber er wird nie mehr essen können. Sein letzter Parkinsonschub hat das unmöglich gemacht, denn Nahrung und Flüssigkeit landen nun ebenso in der Lunge und die letzte Lungenentzündung hat ihn fast das Leben gekostet. Ein Leben, das gerade verglimmt. Dabei gibt sein Körper nach und nach die Funktionen ab. Eine Fülle an Funktionen, die von Vaters vielen Krankheiten peu a peu entrümpelt werden. Und wir stehen gemeinsam vor diesem Aufräumkommando und weinen.

„Papa, ich kann dir leider nicht helfen. Ich kann dich nur besuchen und da sein und deine Hand halten. Ich kann dir erzählen, was bei mir passiert und dir Bilder zeigen. Aber ich kann leider nicht machen, dass du wieder fitter wirst. Hilft dir das?“ frage ich ihn. Er haucht leise: „Hilft mir.“

Also erzähle ich. Von meinem Tag. Von den Kindern. Ich zeige ihm Bilder seiner Enkel, berichte von Erfolgen in meinem Leben und wer ihn alles grüßen lässt. Ich zeige ihm, wie ich das Bild von ihm und Mama nun auf Twitter habe und wir dort zu dritt auf meinem Profil vereint sind. Ich sage ihm, dass ich im Internet viele Menschen habe, die mich lesen. Dass ich dort schrieb, dass wir Daumen brauchen und wie viele uns Daumen geschickt haben. Irgendwann fragt er mich, ob ich Heim muss. „Nein. Ich muss noch nicht gehen. Die Kinder haben mich den ganzen Tag und wenn sie schlecht schlafen, sogar die ganze Nacht. Jetzt bist du dran.“ sage ich. Er hält die ganze Zeit dabei meine Hände fest. Wir klammern uns an unseren Händen wie an seinem Leben. Wir lassen nicht los. Wir sind untröstlich und doch zusammen. Wie sehr ich ihn liebe, sage ich ihm. Nach eineinhalb Stunden schläft er ein.

„Papa, ich gehe jetzt. Ich komme morgen wieder. Mama müsste auch gleich bei dir sein.“. Er wacht kurz auf, greift nach meiner Hand. Wir halten uns noch einen Moment. Dann gehe ich.

Auf der Heimfahrt weine ich. Und streiche mir durchs Haar. Ich kann nicht machen, dass es meinem Vater besser wird. Ich kann nur seinen Schmerz teilen. Geteilte Schmerzen sind doppelte Schmerzen.

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19 Kommentare zu “Ich liege

  1. Ihr macht das so gut. (Ich denke grad an meines Vaters Sterben, vor 16 Jahren. Ähnliche Szene, ähnliche Gedanken/Gefühle). Sterben ist universell und doch einzigartig. Wie Liebe.

    Viel Kraft.

  2. Der Schmerz beim Verlust eines Elternteils ist kaum auszuhalten. Es ist als ob ein Teil der eigenen Identität mit stirbt. Ich wünsche Euch viel Kraft. Eine Umarmung.

  3. Oh man, das ist so unfassbar traurig. Die Tränen kullern nur so beim Lesen. Ich hasse es, das so was mit zunehmendem Alter immer näher auf uns „Kinder“ zukommt. Ich wünsche dir ganz viel Kraft! ❤

    • Liebe Bettina, bei meinem Vater wurde der Parkinson erst vergangenen Dezember entdeckt. Das war eventuell auch einfach schon zu spät um es medikamentös aufzuhalten oder das Tempo rauszunehmen. Ich wünsche Euch sehr, dass der Krankheitsverlauf Deines Freundes anders sein wird.

      ❤ Helena

      • Guten Morgen, Helena!
        Ich lese erst jetzt wieder mit, daher erst jetzt mein: DANKE!
        Ja, er bekommt Medikamente, die sicher einiges bewirken – trotzdem ists sehr spürbar. Und kostet mich zwischendurch unendlich viel Kraft, trotz meiner Liebe. Es zerreisst mir das Herz zwischendurch…..es fordert so viel Geduld manchmal …und ich weiß nicht, wie ich damit umgehen werde, wenn es schlimmer wird. Ob dann Liebe und Mitgefühl noch genug da sein wird, wo meine Bedürfnisse bleiben, wie klar ich dann noch „JA!“ sagen kann zu diser Beziehung ………….

        und davor hab ich Angst.

        Alles Liebe Dir!!!!

      • Wir haben alle Seelenpein. Und ich verstehe, dass Dich das belastet. Diese Gedanken allein sind ja schon belastend. Ich hoffe, Du hast jemand an Deiner Seite, der Dir dabei helfen kann. Man muss ja auch auf sich selber achten, sonst kann man einen Angehörigen nicht auf einem solchen Weg begleiten, ohne daran selber zu zerbrechen. Ich fühle mit Dir. Und jammer ruhig. Ich jammere zwischendrin immer wieder. Ich bin mal wütend, mal traurig, mal weißnichtwas. Das muss eben auch irgendwo raus.

        Ich schicke Dir eine Umarmung zurück. ❤

  4. Ich habe diesen Weg vor 9 Jahren gehen müssen, als ich meine Mutter beim sterben begleitet habe und fühle beim lesen deiner Zeilen wieder diesen Schmerz, wieder diesen Kloß im Hals. Ich wünsche dir und deiner Familie viel Kraft und hoffen das der Weg deines Vaters nicht zu viele Schmerzen beinhaltet.

  5. Ich habe es erst jetzt gelesen und ich wünsche euch aus ganzem Herzen nur das Beste für euch. Viel Kraft.

    Und mir ist aufgefallen, dass du eine sehr gute Schreiberin bist.

      • Ja, das finde ich auch …
        Ich mache mich jetzt gleich auf den Weg, einen Freund auf seinem letzten „irdischen“ Weg zu begleiten – zu lesen, was an Erleben man mit anderen teilt, lässt mich meine eigene Traurigkeit spüren und löst meine Tränen 😢 – doch stärkt es mich auch in meinem Glauben. Wir sitzen alle im selben Boot und finden darin die Kraft, nicht unterziehen. Ich mag es mit Ludwig Hirsch halten, der mir in seinem Lied „In deiner Sprache“ aus dem Herzen singt: Der Tod is a Seitensprung, mehr a scho ned – du schläfst ein und wachst auf … nur in einer anderen Welt“.
        Alles Liebe euch! 💕

  6. Liebe Helena, vielen Dank für Deinen Mut, Deine/Eure Geschichte zu teilen. Trotz all der Traurigkeit und dem Leid, fühlt man die Liebe und das Leben. Liebe Grüße, Kerstin

  7. Der Verlust war grausam und unerträglich, aber der Gedanke, dass er jetzt nicht mehr leiden muss hat es ein wenig gelindert.
    Mein Papa starb am.01.02.2017 an Lungenkrebs.
    Viel Kraft und viele schöne Erinnerungen an eure gemeinsame Zeit wünsche ich dir un den deinen.

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