Der Fake

„Hat er Dir auch diese Geheimdienstsache erzählt?“ fragte ich sie. Ich wusste nicht genau, warum ich ihr das schrieb. Wir waren länger nicht mehr miteinander privat in Kontakt gewesen, folgten uns aber noch auf Twitter. Dass er und sie zusammen waren, hatte mich gefreut. So wie ich mich über jedes Pärchen freue. Aber in den letzten Monaten waren bei mir die Zweifel gewachsen. Seine letzte Nachricht über einen „Red Call“ aus der israelischen Botschaft hatte ich zwar wohlwollend kommentiert, mit dem was er wohl von mir erwartet hat. Irgendwas in die Richtung, er solle nicht nach Israel gehen. Aber tatsächlich rollte ich mit den Augen und erzählte meinem Mann, dass er mir wieder Geheimdienstmärchen erzähle. Schon mehrfach war mir das Phänomen begegnet: Männer die sich Kriegsgeschichten, GSG9 Mitgliedschaft oder ähnliches ausdachten, um Ungereimtheiten in ihren Lebensläufen zu kaschieren. Oder sich interessanter zu machen. Oder beides. Ich weiß das bis heute nicht so genau.

Was meine Frage jedoch nach sich zog, war ein Strudel. Ja. Er hatte auch ihr davon erzählt. Und auch sie war die Einzige, der er das anvertraute. Auch ihr schickte er einen Link, den sie öffnen sollte, weil er gerade kein Internet habe und es wichtige geheime Informationen seien. So schmeichelhaft es zu Beginn ist, wenn Dir jemand sein größtes Geheimnis anvertraut. So ernüchternd ist die Erkenntnis, dass man das Opfer seines eigenen angekratzten Egos und eines mutmaßlichen Lügners geworden ist.

Was dann folgte, war ein irrer Ritt. Wir fingen an abzugleichen, was dieser Mensch uns erzählte. Fingen an andere Frauen zu kontaktieren, die mit ihm im Kontakt waren oder auch „seine Einzige“ waren in den vergangenen Jahren. Der letzten erzählte er, dass ich Liebeskummer wegen ihm gehabt hätte. Dabei habe er nie Interesse an mir gehabt und ich sei seitdem von Eifersucht geplagt. Nichts davon war wahr. Aber es genügte, dass sie aufkeimende Zweifel nicht mit mir besprach. Ein Muster, dass er bei vielen Frauen anzuwenden schien. Jeder ist ein Feind. Man kann niemand vertrauen und ist gleichzeitig die einzig Wahre. Dass das, was er den Frauen erzählte, in große Teilen gelogen war, zeigten die kommenden Tage.

Am 24. Februar hatte er angeblich seine letzte Prüfung zum Arzt bestanden. Seine Approbation lag jedoch unbearbeitet beim Lageso, das hierfür in Berlin zuständig ist. Die Bearbeitung würde stocken, wegen der Überlastung durch Flüchtlinge. Deswegen würde er auch noch an der Charite zwar arbeiten, aber nicht als Arzt entlohnt. Als ich beim Lageso anrief, war die zuständige Sachbearbeiterin nicht erreichbar. Ich solle es am Dienstag versuchen. Eine Durchwahl wurde mir gegeben. Ob die Bearbeitung unter der Flüchtlingswelle denn überlastet sei, fragte ich noch vor dem Auflegen. Nein, das seien völlig voneinander unabhängige Abteilungen, hieß es. Dienstags hatte ich dann die zuständige Dame am Telefon. Ich schilderte kurz den Fall, sie fragte nach dem Namen. Nachdem ich den nannte, wies sie darauf hin, dass sie dazu nichts sagen dürfe aus Datenschutzgründen. Mir sei dies bewusst, sagte ich. Dann fragte sie nach Details nach. Wenn ich in die Prüfungsordnung für Mediziner in Berlin nachschauen würde, könnte ich leicht nachlesen, dass es niemals im Februar Abschlussprüfungen für Mediziner gäbe. Weder mündlich, noch schriftlich. Dass es zu Verzögerungen käme, wäre möglich, wenn Unterlagen fehlten. Aber dies würde dann mitgeteilt.

„Er kann nicht im Februar seine letzte Prüfung gemacht haben.“ Ich war nicht überrascht. In der Charite konnte man unter seinem Namen auch keinen Angestellten finden. Wir waren inzwischen mehrere, die anfingen nach Belegbarem zu suchen. Wir fanden nichts. Was ich hingegen fand, waren vier Frauen, die mir alle das Gleiche erzählten. Die Geschichte von einem Mann, der sich an Frauen in Momenten, in denen es ihnen an Aufmerksamkeit im Leben fehlte, über Twitter ranwanzte. Der sehr aufmerksam war. Der die Frau jeweils überhöhte. Der behauptete Medizin zu studieren, für Israel in der Armee gewesen zu sein als deutscher Jude und nun in geheime Aktionen für Israel verwickelt zu sein.

„2015 war er angeblich mehrfach für Israel in ganz Deutschland unterwegs. Tatsächlich hat er Frauen von Twitter getroffen.“ erzählte eine. Eine andere ratterte Namen von anderen Frauen nur so runter, mit denen er sich schmückte. Nicht alle wussten davon, dass sie mit ihm eine Affären gehabt hätten.

„Ich verstehe nicht, warum der so viele Frauen bekommt.“ sagte ein anderer Freund. Ihm erzählte er einmal von Morddrohungen, die er bekommen habe. Eine Bemerkung, die er seltsam fand. Vielleicht auch unglaubwürdig. Aber wenn man jemanden mag, dann lässt man das so stehen und denkt nicht weiter drüber nach. Und man wundert sich als Mann dann, dass jemand solche Erfolge beim anderen Geschlecht haben sollte.

Was wir nicht finden konnten, war jemand, der ihn außerhalb des sozialen Netzwerks kannte. Jemand, der nicht von Twitter war. Jeder hat auch Menschen, die er aus dem sogenannten Reallife in seinem Leben hat. Und wenn man länger mit ihm zu tun hat, bekommt zumindest der eine oder andere Kontakt zu ihm. Nicht jedoch er. Zu seinen Eltern hätte er den Kontakt abgebrochen. Sein Vater war in den Geschichten, die er erzählte, ein großes Tier. Die Branche wechselte dabei. Seine Wohnungen wechselten. Bücher hatte er, der er doch Bücher so wichtig fände und studierte, keine, berichtete eine der Frauen. Stattdessen drängte sich der Eindruck auf, dass er dafür ein solides Alkoholproblem und trotz angeblich fertigem Medizinstudium permanent Geldmangel habe.

Natürlich blieb mein Nachfragen nicht unbemerkt. Er fing an Vertrauliches, was seine letzte Eroberung ihm erzählte, zu twittern. Er drohte. Meine Nummer, die er hat, hat er nicht einmal gewählt. Stattdessen nach einem Hinweis meinerseits, mich doch anzurufen, seine nonmention gelöscht.

Am Ende blieb vieles unklar. Die Kontaktperson in der israelischen Botschaft unter der Funktion, die er nannte, gab es nicht. Die angeblichen Kontakte zu großen Twitterern und Influencern, stellten sich nach kurzer Nachfrage als erlogen dar. Überhaupt schien Twitter der einzige Ort zu sein, an dem er tatsächlich existierte.

Die Frauen jedoch, die er teilweise in einer Spirale aus konstruierten Streitigkeiten und Überhöhung gefangen hielt, wollten nicht namentlich über ihn berichten. Eine Psychiaterin vermutete eine Neurose und problematische Erfahrungen mit Frauen.

„Weißt Du inzwischen mehr?“ fragte mich der gemeinsame Freund. Ich schilderte ihm, was ich erfahren hatte. Vielleicht wären ja auch die Frauen diejenigen, die Lügen erzählten, meinte er. „Dass man eine verrückte Ex haben kann, okay. Aber gleich vier? Und sie erzählen alle unabhängig voneinander die gleiche Geschichte? Klingt für mich unwahrscheinlich.“

Eines kann ich von den Geschichten der Frauen immerhin nehmen und weitergeben: passt auf, wem Ihr Euch im Internet anvertraut. Egal ob Ihr die Person getroffen habt. Egal wie viele andere Personen angeblich in dieser virtuellen Welt sie kennen und mit ihr angeblich befreundet sind. Bleibt mistrauisch. Auch Menschen aus Fleisch und Blut können Fakes sein. Dieser hier ist vermutlich einer.

 

 

 

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3 Kommentare zu “Der Fake

  1. „Schon mehrfach war mir das Phänomen begegnet: Männer die sich Kriegsgeschichten, GSG9 Mitgliedschaft oder ähnliches ausdachten“ …
    Mir war nie bewußt, dass das ein Phänomen ist, mit dem Männer versuchen Frauen rumzukriegen. Aber auf diese Typen bin ich auch schon gestoßen. Nicht im Beziehungskontext, aber im Betrugs(anbahnungs)kontext. Das Problem: wer nicht weiß, mit welchen Fragen die Geschichten ins Wackeln kommen, der fällt auch drauf rein.

  2. Ich bin ja hier nur eine Figur vom äußersten Rand und nicht annähernd so betroffen wie Ihr, aber ich stelle hier trotzdem mal richtig, dass ich a) nie an ihm herumgebaggert habe, und es b) zwischen ihm und meinem Mann keinerlei Kontakt gab, weder über Twitter noch über Facebook oder Whatsapp, wie er das behauptet hat.

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